Ferdinand in Finnland
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   Luftgitarren

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Klänge

Aus meiner Kindheit und Jugend bin ich es eigentlich nicht gewohnt, dass Türen ins Schloss fallen können und dann von außen einfach nicht mehr zu öffnen sind: Ich hatte immer in Häusern gewohnt, die eine Türklinke hatten. Dadurch gehörte das Abschließen dazu und somit war beim Verlassen des Hauses die Kontrolle gegeben, dass der Schlüssel dabei sein musste.

Nun wohne ich aber schon seit ein paar Jahren nicht mehr in Einfamilienhäusern, sondern in Wohnungen - und da sind Türklinken an den Außentüren selten. Ich habe mir deswegen angewöhnt, meinen Haustürschlüssel immer in der rechten Hosentasche zu tragen (außer bei einer Jeans, die ein Loch in der rechten, nicht aber in der Linken Tasche hat). Und davon weiche ich eigentlich nicht ab. Eigentlich - denn beim Wechsel der Hose kann es schon einmal vorkommen, dass ich den Schlüssel beiseite lege und erst später wieder einstecke.

An einem der ersten sonnigen und warmen Tages diesen Jahres passierte dann, was wohl einigen Leuten schon passiert ist: Ich trete vor die Tür, um die Post zu holen, gehe meine zwei Stockwerke nach unten und stelle fest, dass ich den Briefkastenschlüssel nicht dabei habe. Leider weiß ich genau, dass Briefkastenschlüssel und Wohnungtürschlüssel am gleichen Schlüsselbund hängen, so dass klar ist, oben werde ich auch nicht wieder reinkommen. Mit einer erhöhten Dosis Adrenalin im Blut überlege ich beim Treppensteigen, wo denn mein Mitbewohner ist um zu dem Ergebnis zu kommen, dass der für drei Tage bei seiner Mutter zu Besuch ist - 200 Kilometer entfernt!

Als ich vor der Tür stehe und schon leicht wütend über mich selbst gegen die durch Schlieren und Farbe undurchsichtig gemachte Glasscheibe in der Tür poche, öffnet meine Nachbarin ihre Tür. Durch mein Klopfen habe ich sie bei ihren ersten Fingerübungen beim Klavierspiel gestört, was sie angesichts der Situation aber für verzeihlich hält. Zwar würde sie mir auch einen Hammer leihen, meint sie, aber zunächst würde sie doch vorschlagen, erst einmal ihren Halbbruder zu rate zu ziehen. Der sei gerade aus der Klinik vom Drogenentzug zurück und hätte Erfahrung beim Öffnen von zugefallenen Türen - und würde sich wohl freuen, wenn er diese Kenntnisse nutzbringend einsetzen könne.

Naja, besser als die Scheibe einschlagen, denke ich mir, und die Nachbarin holt ihren Halbbruder und ihre Schwester mit dem Auto ab. Der leicht nach Alkohol riechende Verwandte bringt sein Werkzeug mit - Schraubenzieher, Brecheisen und verschiedene Drähte - und macht sich ans Werk. Krachend wirft er sich gegen die Tür, stochert mit dem Schraubenzieher klappernd am Schloss herum und führt durch den Briefschlitz Drähte ein, um die innere Klinke zu erreichen. Seine Halbschwester setzen sich dabei ans Klavier und spielen vierhändig Chopin und Beethoven - immer wieder durchbrochen von den Geräuschen der Arbeit an Tür und Schloss. Es sieht geschickt und geübt aus, wie er sich mit seinem Werkzeug zu schaffen macht, aber es dauert lange.

Nach zehn Minuten fängt er unter der Klavierbegleitung an zu fluchen, nach zwanzig Minuten wirft er sich immer fester gegen die Tür, die bereits tiefe Kratzspuren hat und nach einer halben Stunde tritt er ein letztes Mal feste zu: Nichts tut sich, nur der Briefschlitz klappert. Jetzt gebe er auf, meint der "Einbrecher", er brauche ein Bier - diese Tür sei nicht zu öffnen ohne sie zu zerstören. In diesem Fall ist das nur ein schwacher Trost.



So schlimm sah die Tür dann aber auch wieder nicht aus, auch wenn ein paar Spuren geblieben sind.

Mit großer Freude schlägt die Schwester der Nachbarin dann die Scheibe ein, die Scherben klirren und der Halbbruder packt enttäuscht aussehend seine Sachen zusammen. Das Bier öffnet er mit dem Griff des Schraubenziehers so, dass der Konkorken in hohem Bogen klimpernd die Treppe hinunterkullert. Noch am selben Nachmittag lasse ich vom Glaser einen alten Spiegel zurechtschneiden und setze ihn als neue Scheibe ein. Jetzt können Einbrecher sehen, wie sehr ihnen die Mühe mit der Tür zusetzt, kommentiere ich.

Ein paar Tage später fehlt auch in der Tür im Erdgeschoss die Scheibe und ist durch ein Brett ersetzt: Somit hat nur noch eine Wohnung im Treppenhaus ihr ursprüngliches Aussehen behalten.
5.5.08 13:02


Feiertage

Am 4. Juli 1776 proklamierten dreizehn britische Kolonien in Nordamerika ihre Unabhängigkeit und gründeten wenig später die Vereinigten Staaten von Amerika. Sie pochten damit auf ihr Recht einen souveränen Staat zu schaffen. Damit lösten sich die ersten Kolonien aus dem britischen Empire und errichteten eine eigene Demokratie. Spätestens etwas über 100 Jahre später kolonialisierten die USA dann selbst Länder: Kuba, Puerto Rico und die Philippinen wurden von den Vereinigten Staaten besetzt. Der 4. Juli wird jedes Jahr gefeiert, um die erfolgreiche Erklärung der Unabhängigkeit zu erinnern. Als Hymne wird "The Star-Spangled Banner" gesungen, ein Lied, das die Farben der US-amerikanischen Fahne beschreibt.

Am 14. Juli 1789 stürmten Pariser Bürger die Bastille, ein Negativsymbol der absolutistischen Herrschaft in Frankreich. Hier wollten sie sich Waffen und Pulver besorgen, um die Monarchie stürzen zu können. Damit begann die Mutter aller Revolutionen, ein einschneidendes historisches Ereignis, das weltweit die Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verbreitete. Jedes Jahr am 14. Juli rollt die Tour de France durch Frankreich und jedes Jahr wird mit einem Feiertag an das historische Ereignis gedacht. Dabei wird die Marseillaise gesungen und gespielt, sich gegen die Herrschaft der Tyrannen wendet.

Am 21. April 1926 wurde in London ein Mädchen geboren, das den Namen Elizabeth Alexandra Mary Windsor bekam. Als sie später, am Todestag ihres Vaters, dem 6. Februar 1952, zur Königin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland proklamiert wurde, fingen die Menschen an, ihren Geburtstag zu feiern und einen Feiertag daraus zu machen. Das dazugehörige Lied bittet Gott inständig darum, die gnädige Königin zu schützen und ihre Feinde zu zerstreuen.

Es gibt viele weitere Staaten auf der Welt, die fast alle auch ihre Feiertage haben, Tage, an denen sie sich selbst feiern und von anderen Feiern lassen - wie etwa Panama am Brandenburger Tor im Schneerieseln. Für fast alle ist das entweder der Tag der Unabhängigkeit - wie für die USA - oder der Tag der Staatsgründung, so ähnlich wie in Frankreich, auch wenn auf die Revolution inzwischen bereits die fünft Republik folgt. Und einige andere feiern die Geburtstage von wichtigen Menschen, wie Königinnen und Königen, wie Großbritannien.

Doch es gibt Ausnahmen und eine der seltsamsten ist wohl Deutschland. Während bis 1990 der 17. Juni, der Gedenktag an einen Arbeiteraufstand, also etwas ähnliches wie eine Revolution gefeiert wurde, hat inzwischen der Biedermeier die BundesrepublikanerInnen wieder: Gefeiert wird am 3. Oktober der Beitritt von fünf Bundesländern zum Grundgesetz. Keine Gründungsgeschichte steht hinter diesem Tag, keine Unabhängigkeit, sondern das Wirksamwerden eines Vertrags. Das spiegelt auch das zugehörige Lied wider, dessen drittes Wort schon das "Recht" ist. Würde da nicht eigentlich besser passen, was den Bruch mit der faschistischen Vergangenheit besser beschreiben würde? Trifft nicht "[a]uferstanden aus Ruinen" deutlich besser den Lauf der Geschichte? Und wäre es nicht auch netter, wenn alle Strophen gesungen werden könnten, ohne einen Verdacht des Nazismus hervorzurufen? Ein Schnitt mit dem belasteten Nationalismus könnte so einfach sein.

Na, ganz alleine stehen diejenigen, die den 3. Oktober feiern wollen - hier würde ich mich explizit ausnehmen - jedenfalls nicht da: Am 26. Oktober 1955 erklärten einige Staatsmänner und vielleicht auch -frauen in Österreich ihre "immerwährende Neutralität". Seit 1965 wird dieser Tag auch als "Nationalfeiertag" begangen, als auch für Österreich genügt ein Rechtsakt für die Entwicklung nationaler Gefühle.
3.10.07 13:48


Lieber Seán,

mit viel Freude und Interesse habe ich Deine sechs Bände Autobiographie gelesen, die in ihrer deutschen Übersetzung zu fünf Bänden zusammengefasst wurden. Natürlich wurden sie in der DDR übersetzt, nicht in der BRD, und natürlich gibt es keine aktuelle Auflage mehr. Nehme ich richtig an, dass ein kapitalistischer, rein gewinnorientierter Verleger Dich ohnehin abschrecken würde? Oder vielleicht nicht, immerhin hast Du sie ursprünglich in England und Irland publiziert, nicht in der Sowjetunion von damals. Sicher würdest Du wollen, dass Deine Schriften zu einer sozialistischen Erziehung der Jugend beitragen -- einige Wenige immerhin könnten selbst heute noch, zu Zeiten da der Neoliberalismus zum herrschenden Paradigma wurde, für Deinen strengen Sozialismus gewonnen werden. Naja, einige Deiner Stücke gibt es jedenfalls noch in aktueller Auflage in den USA - manche sogar auf deutsch.

Ich habe noch nicht nachgefragt, ob ich Dich überhaupt informell mit "Du" ansprechen darf. Der Respekt vor dem Alter ist Dir wichtig gewesen, wie auch das Wahren gewisser Formalitäten. Andererseits halte ich mich hier lieber an Deine andere Seite, in der Du überkommenen Traditionen den Kampf angesagt hast: So wie es für Dich lästig war, mit einer Frau nicht zusammen wohnen zu dürfen, mit der Du nicht verheiratet warst, so würde ich es als lästig empfinden, Dich siezen zu müssen. Und überhaupt bin ich auch einmal Du gewesen: Im Frühjahr 2000 auf den Brettern, die anderen die Welt bedeuten war ich Du, liebte wie Du, kämpfte wie Du und starb wie Du Dir vorgestellt hast, dass Du theatertauglich sterben könntest. Gerade deswegen und weil ich von einigen Deiner Ideen überzeugt bin und viele Deiner Ideale teile, will mir das "Sie" überkommen scheinen.

So würde ich mich Dir sofort anschließen, wenn es darum geht, eine würdige Bezahlung auch für die Arbeiten zu verlangen, die von vielen Menschen auch ohne Ausbildung geleistet werden können. Arbeitskraft darf eben nicht nur ein weiteres Produkt auf dem Markt sein, dessen Wert sich über Angebot und Nachfrage bestimmt. Diejenigen, die ihre Zeit und körperliche Kraft zur Verfügung stellen, haben ein menschenwürdiges Leben verdient, in dem sie die Zeit und die Mittel haben, um sich mit Kunst, Kultur und Kreativität beschäftigen können. Habe ich Dich in diesem Punkt richtig verstanden? Würdest Du das ähnlich formulieren, wenn Du heute, 43 Jahre nach Deinem Tod und nach dem fast vollständigen Ende des Staatssozialismus in Europa wieder oder noch die Möglichkeit dazu hättest?



Jeán O'Casey: Manchmal wurde er angefeindet, weil er Rollkragenpullover liebte und keine Krawatten trug


Viele andere Punkte, jedoch, sehe ich grundlegend anders als Du. Sicherlich bin ich ein Kind meiner Zeit, wenn ich davon überzeugt bin, dass auch in sozialistischen Ländern die individuelle Freiheit stark eingeschränkt wird, vielleicht noch stärker, als in kapitalistischen. Und ich zeige, dass ich zu Beginn des 21. Jahrhunderts lebe, wenn ich Dir vorwerfe, den Menschen - ähnlich wie Marx - auf ein materialistisches Wesen zu beschränken. Auch Dein Wettern gegen die Kirchen als eine Quelle allen sozialen Unheils und verschwörerischen Haufen mit einer Moral nach Innen und einer zweiten nach Außen sehe ich sicherlich aus heutiger Sicht etwas anders. Das Irland des ausgehenden 19. Jahrhunderts wird vermutlich viel mehr Anlaß zur Kirchenkritik gegeben haben, als es das säkulare Ostdeutschland des beginnenden 21. Jahrhunderts.

Auf anderen Gebieten kann ich Dir jedoch nicht zugute halten, ein Kind Deiner Zeit gewesen zu sein. Die Form des etwas bizarren anglo-irischen Nationalismus, die ich aus Deiner Autobiographie herauslese, die gleichzeitige Kritik am Begriff Nation und das wohlwollende Hervorkehren des irischen Mythos scheinen mir spätestens zu der Zeit veraltet gewesen zu sein, zu der Du Dein Leben beschrieben hast. Dass Du Dich dem englischen Nationalismus anschließt, kann ich noch viel weniger nachvollziehen, wenn das zu einer Zeit geschieht, in der das Inselreich weite Teile des Globus beherrscht und ausbeutet, und dabei sicherlich nicht als Vorreiter des Sozialismus und des gerechten Umgangs mit Menschen nicht-europäischer Abstammung gelten kann. Die Abschaffung des Sklavenhaltung ist das eine -- die aktive massenhafte Ausbeutung beim Bau von Schienensträngen, Kanälen oder dem Raubbau von Rohstoffen das andere.

Den entschiedensten Widerspruch muss ich jedoch Deinen Aussagen über den Krieg gegenüberstellen. Es scheint Dir keineswegs klar gewesen zu sein, dass Krieg immer auch unschuldige Opfer hervorbringt -- und das auf beiden Seiten. Es mag sein, dass Du aus politischen Gründen, gerade vor Deinem marxistisch-sozialistischen Hintergrund glaubtest, dass Opfer gebracht werden müssen, um politische Ziele zu erreichen. Aber glaubtest Du so wenig an das Gute im Menschen, um tatsächlich Rache zu fordern im Sinne einer zehnfachen Heimzahlung von angerichteten Schäden und dem zehnfachen Mord von Zivilisten auf der anderen Seite der Schützengräben? Hast Du nicht gesehen, dass jeder Vater zu kriegszeiten ähnliche Empfindungen haben wird, wie Du, wenn Du um Deine Söhne fürchtest? Ist das Glück von zehn Familien weniger wert als das einer Familie, nur weil sie durch eine Grenze -- was ist das überhaupt, eine Grenze? -- getrennt sind, weil sie eine andere Sprache sprechen? Erschreckt es Dich nicht, dass selbst die von Dir so verachtete, ja gehasste Kirche mit ihrem Dogma der reduzierten Rache à la Auge um Auge, Zahn um Zahn viel menschenfreundlicher, ich würde gar behaupten: fortschrittlicher, ist als Du?

Wie dem auch sei, diese Gedanken von Dir wirkten sehr abschreckend auf mich. Weitergelesen habe ich dennoch, alle rund 1400 Seiten. Jede einzelne. Zwar habe ich nicht alle verstanden, viel zu häufig sind die Menschen, von denen Du schreibst nicht in die Geschichte eingegangen, so dass ich von ihnen wüsste, aber trotzdem habe ich kaum eine bereut. Im Gegenteil, sie haben mir in ihrer Gesamtheit Lust gemacht, noch mehr Dinge von Dir zu lesen: "Hinter den Parktoren", "Purpurstaub" und "Der Preispokal" scheinen Stücke zu sein, die zumindest in ihrer jeweiligen Zeit für Aufregung gesorgt haben. Ob sie das wohl bei mir noch immer können?

Dir wünsche ich das beste, was nach dem Tod noch möglich ist. Und wenn es Dir möglich ist, so denk' doch noch einmal über ein paar Deiner Positionen nach, die Du zu Lebzeiten vertreten hast.

Dein
Ferkku
3.10.07 12:57


Nachhall

Wenn alle so denken würden, müsste die Welt ein wunderbarer Ort sein...

Über dem Redaktionsgebäude der Leipziger Volkszeitung wölbt sich ein flaches, gläsernes Tonnengewölbe, das sich trotz der Jalousien schon Mitte April wie ein sommerlicher Wintergarten überhitzt. Die Luft steht, ist fast stickig. Dafür weht draußen, auf der angrenzenden Dachterrasse ein sanfter Wind und die Vorhangsfreiheit gibt den Blick frei auf die Dächerlandschaften des südlichen Zentrums der Stadt.

Honoratioren verschiedenster Gruppen und Einrichtungen haben sich mit dem KONE(*)-Aufzug in den fünften Stock fahren lassen. Je schicker der Anzug oder die Kombination, desto mehr Gesprächspartner scharen sich beim Glas Sekt um die Würdenträger. Je mehr Tee-Shirt, Jeans oder Pullover an einem Menschen zu sehen ist, desto ruhiger ist es in seiner Umgebung. Man kennt sich - oder eben nicht.

"Footprints" ist der Name des Jazz-Ensembles, das in den offiziellen Teil einführt, und Fußabdrücke wollen auch symbolisch für den Inhalt stehen. Noch besser würde es der Begriff "Nachhaltigkeit" treffen, aber dieses Wort löst ja bekanntlich ein Gähnen aus. Denn die Veranstaltung soll würdigen - solche Leute, die Nachhaltiges für ihre Stadt tun: Kindern das Turnen beibringen, Wanderungen mit Rollstühlen veranstalten, Kinder dazu bringen in Suppenküchen mitzuarbeiten oder ähnliche Dinge. Und die, die das machen, haben keine Anzüge an und keine Kostüme.



Vielleicht fragt er sich ja: "Hallt das jetzt noch nach?"


So sieht es zumindest der Jung. Der ist nämlich Bürgermeister in Leipzig, und Burkhard heißt er mit Vornamen. Er gibt den Leuten Urkunden und freut sich, dass alle so viel für seine Stadt tun - denn er ist ja der Chef der Stadt und trägt natürlich einen Anzug. Ein bißchen anders sehen es die Leute, die kurz beschreiben, wer denn da eigentlich die Urkunden bekommt und die Damen heranwinken, die Blumensträuse übergeben. Aber auch sie tragen Anzüge oder Kostüme - je nachdem ob sie "Herr Doktor" heißen oder "Frau Doktor". Denen ist wichtig, dass sie sagen dürfen, warum sie Geld für die Urkunden ausgegeben haben. Gemeinsam ist allen RederInnen, dass sie sich freuen, die Urkunden übergeben zu dürfen. Und dann eben die Nachhaltigkeit, die hat es ihnen allen angetan.

Als dann fast alle mit Anzug oder Kostüm etwas gesagt haben, spielt noch einmal die Kapelle - eigentlich sind die "Footprints" ja nur ein Trio - und eigentlich warten alle nur darauf, dass es gleich wieder Sekt gibt, und Wein. Der Bürgermeister ist schon wieder weg, weil er schnell mit dem Auto zu einem anderen Bürgermeister muss. Die anderen Anzugträger unterhalten sich und bilden das, was einer in seiner Rede als der "Verbundnetz der Leipziger Initiativen" bezeichnet hat.

Als die wenigen Schnittchen mit Käse alle aufgegessen und nur noch solche mit Lachs, Kaviar oder Hänchenbrust übrig sind, hat sich der Kuppelsaal trotz der tollen Aussicht schon merklich geleert. Da greift der Bassist des Trios noch einmal zu seinem Instrument und spielt noch etwas vor sich hin. Wenigstens die Musik hallt noch etwas nach.

...oder müssten sie auch alle noch so handeln?

(*) "Kone" ist das finnische Wort für Maschine - für einen Aufzug also durchaus zutreffend...
16.4.07 14:56


Männliche Kühe

Häufig werden sie "Bullen" genannt, die Männer und Frauen in Grün und manchmal auch blau, die sich selbst gerne als "Dein Freund und Helfer" bezeichnen. Offenbar wirkt diese Imagekampagne noch nicht genug, so dass der Spruch für die Werbung von Nachwuchs jetzt lautet: "Polizist - ein Beruf so aufregend wie das Leben".

Aufregend ist es in der Tat vor allem für die Jüngeren, denn sie sind es, die immer dann in der ersten Reihe stehen, wenn es brenzlich werden könnte. Mit Brust-, Schienbein- und Armpanzern, mit Helm, Kabelbindern am Gürtel und Schlagstock werden sie oft wie Zinnfiguren auf dem grünen Tisch hin und her geschoben. Die Aufregung kann man einer Reihe gepanzerter Ordnungshüter schon ansehen: Wie sie von einem Bein auf das andere treten, sich ihrer Ausrüstung vergewissern, das alles zeigt häufig schon von vornherein, welche Polizeikette als nächstes Demonstranten von der Straße schieben muss. Dabei haben sie sich bei mir schon häufiger unbeliebt gemacht, wenn sie etwa ziellos auf Unbeteiligte einschlagen, weil der Knopf im Ohr "Knüppel frei" plärrte. Häufig auch dann, wenn sie auf einer Demonstration anfangen herumzuschubsen und jeden, der ihnen im Weg steht, unbegründet duzen. Ein amüsanteres Phänomen dagegen ist, wenn ein Bayer mitten in Dresden erklärt, dass man eine bestimmte Straße nicht nutzen dürfe, weil die geschlossen sei. Fast kann man sich sicher sein, dass er selbst keine Ahnung hat, welche Wege offen sind und wie ein bestimmtes Ziel zu erreichen wäre: "Ich bin hier auch fremd", versucht er sich zu entschuldigen.



Helm, Schlagstock, Sturmhaube, Schienbeinpanzer, Brustpanzer, Armpanzer... Was man nicht so alles braucht!


Beides macht die Polizeieinheiten, besonders wenn sie gepanzert angetroffen werden, doch sehr unsympathisch. Ich gebe zu, ich habe mich schon mehrmals dabei ertappt, wie ich vor mich hin "Bulle" kombiniert mit einem Schipf- oder Fäkalwort gemurmelt habe. Ich dachte das etwa von den beiden Staatsdienern, die mich im November regelrecht verprügelten. Brüllend und knüppelschwingend rannte eine Meute von ihnen - anders kann man die Gruppe von etwa 70 Männern und Frauen nicht beschreiben - die Dorfstraße in Metzingen entlang. Mir meiner Unschuld in jeglicher Hinsicht bewußt, wich ich in Richtung Straßenrand zurück. Ich trabte, fast mechanisch, in die gleiche Richtung wie die brüllenden Gewalttäter, als einer sich vor mich stellte und von der Straße wies. Noch auf dem Weg auf den Gehweg versuchte mich ein Kollege von ihm auf das Trottoir zu schubsen, was jedoch fehlschlug: Vor lauter Panzerung, mit Schlagstock und Helm war er so überfordert, dass er selbst stolperte.

Das wiederum gefiel dem ersten der beiden nicht, der mich anschrie, ich hätte einen Polizisten angegriffen - wobei ihm zugute gehalten sei, dass er mich dabei wenigstens siezte. Dafür machte er meines Ermessens einiges anderes falsch, als er mich gegen einen parkenden Kleinbus stieß und gemeinsam mit dem gerade wieder Aufgestandenen seinen Schlagstock an mir ausprobierte. Bald darauf rannten sie weiter - und mir blieben ein paar blaue Felcken.

Aber auch hier gibt es eine amüsante Seite: Bei diesem Einsatz vorlor einer der Ordnungshüter irgendwo auf der Dorfstraße von Metzingen seine Dienstwaffe, nicht den Schlagstock, sondern die Pistole. Damit hat er eine Unordnung angestellt, denn er und seine Kollegen mussten dann in der Dunkelheit nach dem Schießeisen suchen - und dabei sahen sie recht peinlich berührt aus. Weil meine Strafanzeige gegen die Prügelnden mangels Feststellbarkeit der Täter eingestellt wurde, glaube ich ein Recht zu haben, Polizei nicht mehr mögen zu müssen. Aber manchmal gibt es Ausnahmen.
14.2.07 18:05


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