Ferdinand in Finnland
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Die Sonne steht schon etwas h?her, als das riesige Schiff vom Kai wieder losmacht. Es lag nicht lange in Stockholm im Hafen, gerade lange genug, um einen gro?en LKW-Parkplatz voll und eine lange Schlange Autos aus seinem Rumpf zu entleeren und die selbe Menge an Fahrzeugen wieder aufzunehmen. Bei der Hafeneinfahrt war die r?tliche F?rbung des Himmels gerade von dem gro?en hellen Sonnenball ?bert?nt worden, es wurde hell, die D?mmerung zog sich zur?ck. Als die Schiffsschrauben das Wasser aufsprudeln lassen, bildet das Panorama der Altstadt von Stockholm in warmem Licht angestrahlt den Horizont. Die Kircht?rme zeigen spitz in den leicht blauen Himmel, die zackige D?cherlandschaft scheint wie Wellen gegen sie anzulaufen. Nur ein gr?uliches, rechteckiges und hohes Geb?ude bringt ein waagrechtes Element in das D?chermeer: der aus der Ferne etwas unansehnliche, schlichte K?nigspalast f?llt in der Stadtansicht auf.



Stockholm vom Hafen aus

Langsam schiebt sich der Ozeanriese zwischen den Inseln hindurch und nahe an den Ufern Stockholms vorbei durch die Durchfahrt, ?ber die die Stadt mit dem offenen Meer verbunden ist. S-Bahn-Br?cken, Industrieanlagen und steile Felsabh?nge auf dem Nordhang, Parks, Villen und Botschaften auf dem S?dhang der H?gel. Insbesondere die Nordh?nge sind noch mit reichlich Flecken aus kaltem Wei? besprenkelt: Schneereste, die sich entweder in Mulden im Fels oder zwischen den nordischen Kiefern gesammelt haben und denen die Plusgrade der letzten Tage noch nichts anhaben konnten. Direkt am Ufer klebt noch eine dicke Eisschicht an den Felsen und vereinzelt treiben einsame Eisschollen vorbei. Langsam sinkt die Altstadt gen Horizont und verschwindet schlie?lich hinter einer der zahlreichen Inseln im Meer, die das Schiff umf?hrt. Noch lange geht es an steilen Felsabst?rzen vorbei, alle eiszeitlich rundgeschliffen und zum gr??ten Teil schneebefleckt. An manchen ist auch das Schmelzwasser der letzten Tage wieder angefroren und es bilden sich lange, spitze, wei?e Zungen aus Eiszapfen, die sich aus dem Fels heraus dem Wasser entgegenstrecken.

Nach und nach werden die Felsen niedriger, das Wasser nimmt im Verh?ltnis zum Land zu, und die Inseln reichen nur noch knapp aus dem Wasser. Viele von ihnen sind hier wegen der N?he zu Stockholm mit kleinen, meist roten Ferienh?usern bedeckt, die sich zwischen den niedrigen B?umen auf den flachen Inseln ducken. Nur der wei?e Fahnenmast neben der Veranda steht hoch in den Himmel hinauf und will von weit her gesehen werden, die Geb?ude selbst halten sich tunlichst verborgen. Als das Schiff gerade seine Geschwindigkeit verringert, weil es auf eine Engstelle zwischen einem flach, gerade noch aus dem Wasser ragenden Felsen und einer etwas h?heren Felswand zusteuert, tauchen mit einem Male zwei weitere riesenhafte Schiffe hinter der n?chsten Insel auf. Die Meeresstra?e scheint hier viel befahren und in der Enge wird gerade der Platz knapp. Aber ganz langsam schieben sich die gro?en Schiffe aneinander vorbei, h?chstens einen Steinwurf voneinander entfernt, und jedes von ihnen auch nicht weiter vom gef?hrlichen Ufer. Auf Deck stehend bekommt man den Eindruck von einem hohen Haus, das sich langsam gegen?ber seinen Nachbargeb?uden verschiebt. Zwischen den R?mpfen strudelt das Wasser wild auf, als wollte es beide Schiffe zugleich in die Tiefe ziehen. Doch die Enge wird sicher passiert und auch der zweite Ozeanriese gleitet ganz langsam vor?ber.

Da die Sonne scheint, sitze ich mit einem Buch in der Hand im Windschatten auf Deck, jedoch nicht wie Johan Georg Kohl in einem aufgerollten Ankertau, sondern auf einer Kunststoffbank. Besonders windig ist es zwar nicht, die mindestens eineinhalb mal zweieinhalb Meter gro?e finnische Fahne wird wohl nur durch den Fahrtwind des Schiffes gestreckt, der reicht aber aus, dass es einem kalt wird. Langsam ziehen die letzten Inseln der schwedischen K?ste vorbei und auch die werden immer seltener und flacher. Auf einer der letzten steht ein kleiner Leuchtturm, danach sind nur noch flache runde Felsen ?ber die Wasseroberfl?che zu sehen, auf denen letzter Schnee und Eis liegt. Knapp neben dem Schiff ragt ein letzter runder Felskopf aus dem Wasser, mit Bojen ausreichend kenntlich gemacht. Es folgt das offene Meer, das dunkelblau unter dem hellblauen Himmel liegt. Eine schwache Spur schaumigen Wassers markiert den zur?ckgelegten Weg bis zum Horizont, und im zwar endlich aber dennoch sehr weit erscheinenden Meer und unter dem endlosen Himmel mit nur einigen wei?en Kondensstreifen zur fraglichen Verzierung erscheint das Schiff wieder auf eine normale Gr??e geschrumpft zu sein. Es ist nicht mehr ?berdimensioniert im Vergleich zur eben noch so nahen K?ste.

Nach einem kurzen Stopp auf Ahvenanmaa, der letzten gro?en Insel im Archipel vor Turku, f?hrt das Schiff wieder in die Inselwelt ein, diesmal in die finnische. Hier befindet sich hier zwischen den Inseln, Inselchen und Felsen noch jede Menge Brucheis im Wasser. Mal sind es gro?e Eisschollen von mehreren Quadratmetern Fl?che, die vom Rumpf beiseite geschoben werden, mal kleine Eisw?rfelchen, bisweilen sieht es auch wie zerschlagenes Eis aus, das in Cocktails verwendet wird. Zwischen den Inseln haben sich die verschiedenen Eisarten durch irgendeine ordnende Kraft regelm??ig in Schichten angeordnet. W?hrend die gro?en, dicken Eisschollen, diejenigen, die man im Bauch des Schiffes metallen gegen das Bug krachen h?ren kann, dort zu lagern scheinen, wo das Meer am offensten ist, hat der Wind die kleineren St?cke n?her an die Ufer herangetragen. Es folgen also in Richtung K?ste kleinere Eisplatten, dann kleine Eisw?rfel und schlie?lich das zerschlagene Cocktaileis. Aber ist wirklich so die Regelm??igkeit, denn auf der anderen Seite gibt es jeweils auch wieder eine K?ste? Die n?chste Insel ist immer nahe und Wind gibt es heute keinen.

Die Windstille merkt man daran, dass sich ?ber dem Eis in der letzten Nacht dichter Nebel gebildet hat. Trotz des Sonnenscheins hat er sich zwischen einigen Inseln hartn?ckig gehalten. Zun?chst f?hrt unser Schiff an einer dieser scharf abgegrenzten Nebelw?nde entlang, ohne jedoch selbst in sie einzutauchen. Am Horizont war schon vor einer Weile zwischen dem blauen Wasser mit den br?unlichen Inseln und dem blauen Himmel eine graue ?bergangsschicht erkennbar. Irgendwann taucht das Schiff aber doch in diese Wand ein, die Sonne verdunkelt sich und scheint nur noch als matte, graue Scheibe durch die nasse Luft. Schlagartig wird es zu kalt, um drau?en auf Deck zu sitzen, aber von einem Fenster aus ist zu sehen, wie die zu umfahrenden Inseln vor dem Schiff langsam aus dem Nebel auftauchen. Zun?chst sind nur die Baumwipfel zu erkennen, vor denen die Schwaden dahinziehen zu scheinen. Dann tauchen auch die Felsen und zuletzt der wei?e Schnee auf den Inseln aus der grauen Luft auf. Doch ebenso pl?tzlich wie das Schiff in den Nebel gefahren war, taucht es auch wieder daraus auf und die warme Sonne macht den kurzen Ausflug in die K?lte schnell wieder vergessen.

Hinter dem Schiff bildet sich in den Eisschichten eine L?cke, ein freier Kanal, der daher r?hrt, dass der Bug das Eis zur Seite schiebt. Der Sonnenschein des Tages hat die gr??ten der Eisplatten geschw?cht, so dass das vorbeifahrende Schiff sie schwer mitnimmt: die Bugwelle taucht das dem Schiff entfernteste und das n?chste Ende der Schollen in das Wasser, das in kleinen Wellen ?ber sie hinwegl?uft und sich in der Mitte trifft. Beide Enden stehen in diesem Moment ?ber die runde Spitze der Welle hinweg in die Luft und lasten ihr Gewicht dem Eis der Mitte auf. Unter dieser Spannung geben viele der Platten nach und brechen. Die meisten gehen in zwei St?cke, manche in drei oder mehr. Gerade wenn das Wasser dar?ber hinwegl?uft, treiben dann von der gro?en Platte mehrere Buchst?cke davon, die als Puzzle perfekt aufeinander passen. Alle diese St?cke, vom dauernden Schiffsverkehr durcheinander gebracht, w?rden wohl geordnet wieder die urspr?ngliche Eisschicht ergeben. Die kleineren Eisst?cke brechen nicht, daf?r geben die ein herrlich rauschendes Ger?usch von sich, wenn sie von der Bugwelle gegeneinander gedr?ckt werden und aneinander reiben. Es klingt als ginge ein leichter sanfter Wind durch eine Baumkrone und die regelm??igen Wellen wirken wie eben solche B?en.

Da es in den N?chten noch immer sehr kalt ist - in der Sonne auf dem Schiff mag man das fast nicht glauben - ist das kleinere Eis mit einigen gr??eren Elementen wieder zu gr??eren St?cken zusammengefroren. Diese Eisschollen sehen dann wie wei?e, mit vielen spitzen Ecken und Kanten besetzte, im Wasser schwimmende Fl?chen aus, wie Sandpapier vielleicht, oder schuppige Haut unter dem Mikroskop. Auch diese St?cke brechen, wenn sich das Schiff n?hert, allerdings nicht so regelm??ig und mit gerade gezogenen Kanten, wie die klaren Platten, sondern amorph und unregelm??ig, wie ?berhaupt ihre ganze Struktur ist. Auch die gro?en Platten frieren stellenweise wieder zusammen, wenn sie auch im Wesentlichen ihre Natur beibehalten. Sie sehen so aus wie Bruchst?cke aus Scheibenglas, die bei gro?er Hitze wieder miteinander verschmolzen wurden, teilweise in mehreren Schichten ?bereinander, teilweise mit neuem, jungem Eis in den Zwischenr?umen und Fugen. Ganz junges Eis gibt es sogar auf der Hochsee, also dort, wo es keine Inselchen mehr sind. Wie auf Pf?tzen am Land friert in der K?lte der Nacht das Wasser leicht von oben an und es bildet sich eine d?nne, ganz schwache Eisschicht. Sie wird immer dann bemerkbar, wenn die Bugwelle sich am st?rksten kr?mmt. Aufgrund des Widerstandes des Eises l?uft die Welle leicht ged?mpft aus und erscheint etwas langsamer. Jedoch durchbricht die Welle das spr?de Eis einfach, macht es flexibel, l?sst es einige Male leicht knacken, so dass es sich an die Formen und Kr?mmungen der Welle anpasst. Wo die Schiffe nicht hinfahren und auch die Wellen des Meeres das Eis nicht bersten lassen, in den Buchten und gesch?tzten Zwischenr?umen der Inseln, gibt es noch zusammenh?ngende, starke und sogar tragende Eisschichten. Vor zwei Tagen waren wir in einer Bucht ?ber das Eis gelaufen, auf dem versp?tete Sommerh?ttenbesitzer ihr Brennholz f?r die Sauna im Sommer und sonstige Gegenst?nde zu kleinere Inseln transportierten. Dazu nahmen sie ihre Motorschlitten zur Hilfe und rasten ?ber das weiten Ebenen des Eises.

Zwischen den Inseln hindurch gibt es verschiedene Wege, die ein Schiff nehmen kann. Es gibt so viele, dass das ganze wie ein Hindernislauf anmuten muss: Links oder rechts herum diesen Felsen? Wo geht es weiter, wenn diese Insel hinter uns liegt? Gibt es da vielleicht noch verborgene Untiefen? - Der Kapit?n wird hoffentlich die Antworten zu diesen Fragen wissen, und auch der des Frachters, der sich von hinten in der eisfreien Spur unserem Heck gen?hert hat. Er biegt auf einmal aus der Fahrrinne in einen anderen Kanal ein und ?ber die Baumwipfel hinweg kann man seinen Mast verfolgen. Nach ein paar weiteren Inselchen kreuzt er wieder in die Eisfreie Spur unserer gro?en Viking. Vielleicht hatte der Kapit?n gehofft eine Abk?rzung zu finden und so das beh?bige Passagierschiff zu ?berholen?

Als sich die Sonne nach der langen Fahrt zwischen den Inseln wieder auf den Horizont zu bewegt, die Schatten der Baumkronen auf den Inseln werden l?nger und l?nger, werfen auch die Bugwellen im Eiswasser seltsame Schatten: auf einer Seite etwas st?rker beschienen, auf der anderen etwas mehr im Schatten ergeben sich regelm??ige Wellenmuster, die manchmal sehr weit, manchmal nur bis zur n?chsten, nahen Insel reichen. An deren Ufer werden die Wellen so flektiert werden, dass die sonst so geraden Linien zu Rechtecken werden, weil sich die einfallenden und die reflektierten Wellen ?berlagern. Einzelne Wellenkronen heben und senken sich in dem flach einfallenden, r?tlichen Licht.

An diesem Tag ist es selbst als Deutscher (und damit ohne jedes Nationalbewusstsein(!)) gut zu verstehen, warum sich so viele Finninnen und Finnen vor ihrer gro?en Landesfahne am Heck fotografieren lassen: W?ren da nicht die in dunkelgr?n, ocker und braun gehaltenen Inseln, so w?rde das Blau des Meeres und des Himmels und das Wei? des Schnees und Eises alles das wiedergeben, was hier auf dem Meer zu sehen ist. Wer auch immer das hellblaue Kreuz auf wei?em Grund gestaltet hat, seine Motivation f?r die Farbkombination ist an diesem Tag leicht zu verstehen.
20.4.05 16:41


Liebeserkl?rung an ein Fahrrad



Vermisst: Wer dieses Fahrrad findet, der melde es der Person die dahinter steht, oder der n?chstgelegenen Polizeistation. Die wird dann wahrscheinlich ?berpr?fen, ob sich im Inneren des Rahmens ein Schokoladenk?gelchen befindet.


Es ist es sch?ner Tag gewesen. Der Fr?hling hatte wenige Tag zuvor begonnen den letzten Schneehaufen zuzusetzen und auch der Fluss war wieder v?llig eisfrei. Auch die letzten ruhigen M?ander waren wieder fl?ssig. Zumindest hier im S?den Finnlands konnte man sehen, dass das von Frost und Schnee br?unlich und ocker gewordene Gras sich langsam erholte und wieder zu gr?nen begann, w?hrend schon wenig mehr als 100 Kilometer n?rdlich noch dicke Schichten Wei? die Landschaft pr?gten. An der Stromschnelle am Fluss begannen sich die M?wen zu sammeln, denn die ersten Lachse begannen in den Fluss zu kommen. Die ?ffnung der Fischtreppe l?utete aber nicht nur f?r die tierischen Fischer die neue Saison ein, sondern auch f?r die menschlichen. Die Seelenfischer eingeschlossen.

An einem sch?nen mittw?chlichen Mittag - die Sonne schien, es war relativ warm, die Caf?s hatten ihre Freisitze ge?ffnet - da begaben sich zwei Radfahrer auf den Weg durch Turku's touristisches Herz. Von der Tuomiokirkko (eng.) aus, der lutherischen Hauptkirche Finnlands aus dem Jahr 1300, wechselten die Radfahrer auf die andere Seite des Aurajoki, dorthin, wo heute das Zentrum der Stadt liegt. Unter der Br?cke hindurch str?mte das braune, lehmige Wasser, denn zur Schneeschmelze transportiert der dann wasserreiche Fluss viel an Erdreich mit sich.

Auf der anderen Uferseite angekommen, bogen die Radfahrer nach links ab, und folgten dem Flusslauf. Obwohl das Wasser hier im oberen Teil der Stadt noch recht z?gig durch sein Bett zieht, so waren die Radfahrer noch um einiges schneller. Der H?gel vom Br?ckenkopf herunter gab den ersten Schwung, dann klapperte die Kette des einen Rades die Ritzel nach oben, w?hrend das andere Rad immer auf eine flotte Fahrt eingestellt war. Unter den noch kahlen Linden am Ufer umrundeten sie ein paar Fu?g?nger, die den sch?nen Tag f?r einen Spaziergang an der Uferpromenade nutzten. Auf den B?nken, die auf das Wasser des Flusses schauten, sa?en bereits einige Sonnengierige und vor dem wegen seiner fehlenden Funktionalit?t ganz und gar unfinnische Caf? Art stellte der schlaksige Kellner einigen ?lteren Damen gerade die Kaffeetassen auf die kleinen Tische auf dem Gehrweg.

In z?giger Fahrt ging es weiter die l?ntinen Rantakatu (westliche Uferstra?e) hinunter, am Rathaus vorbei, wo auf der anderen Uferseite die ersten Schiffsrestaurants fest vert?ut und wohl auch kaum noch f?hig auszulaufen, ihren G?sten einen Ausblick auf den sonnigen Fluss boten. Es folgten das St?dtische Theater und das W?in? Aaltosen Museo, bevor es in rascher Fahrt durch die Nadel?hre zweier Br?ckenunterf?hrungen ging. Zur rechten standen am Fluss von einige alte Holzh?user, die der Stadtumbauwut in den 1960er und 1970er Jahren entkommen waren. Das vorl?ufige Ziel der Reise war schon auszumachen und war gerade auf dem Weg von der ?stlichen auf die westliche Flussseite: F?ri (oder auch hier).

Das inzwischen 102 Jahre alte Boot verbindet die beiden Teile der Stadt miteinander, nur wenige hundert Meter unterhalb der letzten Br?cke. An einer unter der Wasseroberfl?che liegenden Kette zieht sich langsam der orangene Schiffsk?rper mit dem blauen Fahrerh?uschen ?ber das Wasser. Kostenlos werden Radfahrer und Fu?g?nger von ?bo nach Turku und zur?ck transportiert - etwa im dreimin?tigen Takt. Eigentlich sind ?bo und Turku der Name f?r ein und die selbe Stadt, allerdings ersterer auf schwedisch und zweiterer auf finnisch. Der erste bedeutet in direkter ?bersetzung so etwas ?hnliches wie "Flussheim", der zweite "Marktplatz". Es l?sst sich doch einiges ?ber die Auffassung der Menschen mit verschiedenen Sprachen sagen. Die unterschiedlichen Namen f?r die heutigen Stadtteile r?hren daher, dass das historische Zentrum ?bos auf der ?stlichen Flussseite liegt, das aber 1827 v?llig niederbrannte. Das neue Zentrum wurde dann westlich errichtet.

Unsere beiden Radler stellten allerdings ihre Fahrzeuge ab, die hier noch kurz vorgestellt werden sollen: ORM, kurz f?r Oululainen Reisumies, ist ein flottes Tourenrad der Firma Gotthard, in k?hlem blaugrau gehalten. F?ri, benannt nach dem pendelnden Schiff, ist ein rostbraun-r?tliches, bejahrtes und schlichtes Crescent-Fahrrad. Seine besondere Eigenschaft besteht darin, dass es ehedem Schnee fra?, eine gro?e Anzahl an Hinterr?dern verbraucht, bei feuchtem Wetter vor Freude im Lenker quietscht und im Inneren einen ein Marianne-Schokoladenk?gelchen tr?gt, denn das war einmal die einzige M?glichkeit gewesen fair zu teilen. Und zudem tr?gt es eine Seele in sich, wie eine finnische Website es ausdr?ckt: "F?rill? on sielu".

Zu Fu? ging es ?ber den Flu?, auf F?ri, dem Schiff - ein fataler Fehler, wie sich herausstellen sollte. Bei einem leckeren vegetarischen Mittagessen wand einer der beiden ehemaligen Radfahrer, jetzt waren sie ja Mittagesser, seinen Blick aus dem Fenster des vegetarischen Schiffsrestaurants Kasviskeidas, im Volksmund allerdings F?ridiisi genannt. Und er musste annehmen, dass ein vorbeikommender Finne den Standplatz F?ris - des Fahrrads -, direkt vor dem Steg von F?ri - dem Schiff - und an der Einzweigung eines Fu?weges zum Anlegesteg f?r Boote, nicht mochte, und so das schwere alte Fahrrad auf die andere Stra?enseite verfrachtete. Dort stand jedenfalls ein F?ri sehr ?hnliches Fahrrad.



F?ri - das Schiff

Nach dem gem?tlichen Mittagsmahl ging es mit F?ri - dem Schiff - zur?ck ?ber den Fluss, von ?bo nach Turku, so dass zu rechten der Turm des Doms aus dem Meer der D?cher hinter dem braunen Wasser des Flusses stand und zur linken die beiden alten und ehrw?rdigen Dreimaster ihre Takelake gegen den Himmel streckten: die Suomen Joutsen (Finnischer Schwan) und die Sigyn. Hinter der ersten Reihe von Geb?uden auf dem n?herkommenden Ufer lag der Gef?ngnish?gel mit seinem Park davor. Doch das Gef?ngnis schreckt nicht mehr, seit Matti Nyk?nen von dort in eine anderes Gef?ngnis verlegt wurde. Der Schrecken trat erst dann ein, als sich herausstellte, dass F?ri nicht nur von einem vorbeikommenden Fu?g?nger auf die andere Stra?enseite gestellt worden war: ein Seelenf?nger hatte zugeschlagen!

Auch nach einigen Minuten absuchen in der Umgebung, und nach einem Ruf, war F?ri nicht wieder zu finden. ORM war alleine auf der Turkuer Seite des Flusses zur?ckgeblieben. Der Vorfall wurde inzwischen der Polizei gemeldet, jedoch ohne, dass die Ermittlungen Ergebnisse mit sich gebracht h?tten, abgesehen davon, dass in der online ausgef?llten Strafanzeige offenbar ein Fehler unterlaufen sein musste, denn die Sozialversicherungsnummer des Bestohlenen stimmte nicht mit seinem Namen ?berein. Dieser Fehler ist inzwischen jedoch korrigiert und die Ermittlungen in der Sache k?nnen fortgesetzt werden.

Auch wenn hier nicht verraten wird, ob einer der beiden Radfahrer in der folgenden Nacht Tr?nen um sein Fahrrad vergossen hat, so sollte F?ri - das Fahrrad - doch wissen, dass sie/er(*) geliebt wurde. Und der Dieb sollte auf der Hut sein, denn er hat den Schwur eines Liebenden gegen sich, dass er nicht mehr sicher ist, so er denn gefunden wird.

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(*) Im Finnischen ist nicht zu erkennen, ob eine Person oder, wie hier, ein belebter Gegenstand weiblichen oder m?nnlichen Geschlechts ist (Vgl. Punkt 4.3 diesesAustauschberichtes.
20.4.05 16:41


Ein Kunstwerk

Das Fr?hjahr ist gekommen, die Temperaturen sind gestiegen. Es friert nicht mehr jede Nacht in Turku und an sonnigen Tagen ?berschreiten die Temperaturen locker die 10-Grad-Grenze. Beinahe w?re man verleitet die Jacke zu Hause zu lassen, aber des morgens ist es doch noch zu k?hl. Aber andere Isolierungsgegenst?nde werden langsam entbehrlich: die l?chrigen Handschuhe habe ich schon seit l?ngerem nicht mehr aus der Jackentasche hervorgekramt und die M?tze wird nur noch genutzt, wenn ich nach der Sauna nasse Haare habe. Und damit sind wir auch beim Punkt: Haare isolieren ebenfalls, also - weg damit!

In Bezug auf dieses Isoliermaterial ist man ja normalerweise nicht so radikal, wie mit einer M?tze. Auch im Sommer rasieren sich nicht alle den Kopf, sondern schneiden das str?hnige Haupthaar nur ein wenig zur?ck. Das ist, als w?rde man die M?tze nur halb aufsetzen, was aber entscheidend unpraktischer ist als bei der Frisur, w?rde sie doch dauernd vom Kopf fallen. Nun braucht man meist einen Gehilfen, um diese angewachsene M?tze halb loszuwerden und so habe ich mich denn heute zu einem Parturi begeben. Der bot mir sogleich einen Sitzplatz auf seinem alten, roten Kunstledersessel der Marke Nokia an.

Ansonsten gingen seine Finnischkenntnisse nicht so besonders weit, und die Erkl?rung dessen wie weit er mir den Kopf enthaaren soll, geschah im Wesentlichen in der international wohl gel?ufigsten Sprache - der Zeichensprache. Er machte sich auch sogleich ans Werk, lie? seine Scheren klappern und die K?mme durch mein Haar gleiten - oder rucken, so sich denn etwas verknotet hatte. Sehr kunstvoll schnitt er, der schweigsame Barbier, mit seiner Ausd?nnschere jeweils erst zwei Mal in die Luft und dann zwei Mal in ein B?schel Haare, das er sich zeitgleich zurechtgek?mmt hatte. Schlie?lich noch zwei Mal dar?ber gek?mmt und weiter ging es zur n?chsten Str?hne. In einer flotten Runde um den Kopf sammelte sich schon ein beachtlicher Haufen Isolationsmaterial auf dem Boden.



Schnipp, schnapp, Haare ab!

Noch etwas gewandter ging er ans Werk, als er mit der eigentlichen Schneideschere hantierte: zun?chst zog er sie ?ber einen Lederriemen ob, um sie noch ein bisschen nachzusch?rfen, und schnitt mit einer Seite leicht in ein St?ck Papier, um die Sch?rfe zu testen. Noch zwei Mal ?ber den Lederriemen gezogen und los ging's: zwei Mal auf den Kamm geklopft, zwei Mal in die Luft geschnitten, zwei Mal das Str?hnchen beschnitten; dann glatt k?mmen und von vorne. In der Zwischenzeit waren zwei weitere Kunden gekommen, mit denen sich mein Scherenmeister nebenbei lachend unterhielt, in einer mir nicht verst?ndlichen Sprache. Ich musste also nicht an der Konversation teilnehmen und konnte weiter die kunstvolle Arbeit beobachten. Besonders behutsam ging er nicht ans Werk, vielmehr stie? er meinen Kopf immer leicht an, wenn ich ihn in eine andere Richtung neigen sollte. Die Ohren faltete er kurzerhand um, als er dahinter schnitt und der Kamm begann bei dem ewigen zweimaligen Streichen meine Kopfhaut zu reizen. Dabei sah er aus wie ein K?nstler am Werk: vertieft in seine Arbeit, genau wissend, was er tat, aber trotzdem frohen Mutes und mit der anderen Kundschaft plaudernd und scherzend.

Als er mit weit ausholenden B?rstenstrichen die Haare aus meinem Nacken entfernt hatte und mir das Ergebnis im Spiegel zeigte, strahlte er mich mit seinen wei?en Z?hnen aus dem schon faltigen Gesicht an, wie ein kleiner Junge, der stolz ist auf sein Werk. Ich selbst dagegen war etwas verdrie?t, nicht nur deswegen, weil ich das immer bin, wenn ich beim Friseur war. Mir schienen die Haare gar zu kurz und er scheint das an meinem Gesicht abgelesen zu haben, denn der Haarschnitt war besonders g?nstig. Vielleicht hat er es aber auch daran gemerkt, dass ich sein Angebot abgelehnt habe mich auch noch zu rasieren. Das Kunstwerk war denn wohl weniger ich, als vielmehr der Schneideprozess an sich.

Nun werde ich mir eben einige Male beim Duschen zu viel Shampoo auf die Hand quetschen, einige Tage erschrecken, wenn ich in den Spiegel sehe und mich wundern, warum der Wind so um die Ohren pfeift - das wird aber vorbei gehen, oder aber ich gew?hne mich daran. Wenn ich ihm nicht mehr grolle, dann kann ich mich auch einmal bei ihm rasieren lassen.



Das Ergebnis. Und aufgemerkt: Lachen ist noch m?glich :-)
20.4.05 16:41





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