Ferdinand in Finnland
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Viele Wege führen nach Iniö

Wege nach Ini? gibt es viele. Drei H?fen gibt es auf dem Eiland im Sch?rengarten, dem saaristo, was im Finnischen "Inselsammlung" bedeutet, oder eben Archipel. Und von den H?fen aus gibt es mindestens f?nf regelm??ige F?hrlinien, die durch die Inselwelt auf nahe benachbarte Inseln f?hren, oder mit verschiedenen Zwischenstopps viele Kilometer weit ?ber das Meer, durch ein Labyrinth von rundgeschliffenen Felsr?cken, die gerade so aus dem Waser ragen und einsamen Inseln, mit ein paar B?umen bestanden und kleinen, roten H?tten am Ufer. Ich habe eine der langen Routen ?ber das Meer genommen: ?berrascht war ich mit dem Fahrrad an einem Hafen angekommen, denn die Wegweiser hatten mir die n?chste Ortschaft in wenigen Kilometern versprochen. Nun endete die Stra?e aber einfach auf dem Kai. Inseln sind viele zu sehen, aber wo f?hrt der Weg weiter? Der Matrose des eben angekommenen Schiffes - neben dem Kapit?n gibt es noch einen Martosen, der die kleine F?hre am Kai festmacht, Fahrzeuge einweist und den billigen, weil subventionierten Fahrpreis kassiert - empfiehlt mir doch nach Ini? zu fahren. Das sei die sch?nste Strecke die er heute noch f?hre und in einer guten Stunde gehe es los. Vorher m?sse das Schiff laut Fahrplan noch schnell auf eine Insel ?bersetzen. "In einer halben Stunde sind wir aber wieder hier." Die Zeit ist nicht so wichtig an diesem Wochenende: die Tage sind lang, dunkel wird es fast nicht, sondern wenn die Sonne hinter dem Horizont versinkt, dann brechen wenigen Stunden Zwielicht an, bis sie fast n?rdlich wieder aufgeht. Lange taucht die flach stehende Sonne den fast klaren Himmel mit den hohen Schleierwolken in ein Fest aus r?tlichen, gelblichen und violetten Farbt?nen. Nur die hellsten Sterne hatten es in der vergangenen Nacht geschafft durch die Helligkeit des Himmels bis zur Erde zu dringen.

Tats?chlich legt die F?hre bald darauf wieder am Kai an und hat vier Autos mitgebracht. Mehr h?tten auch nicht auf die Ladefl?che zwischen den hohen Bordw?nden gepasst, aber der Matrose ist zufrieden als er mich einl?dt mitzufahren: "Wir haben alle mitbringen k?nnen." Au?er mir rollt nur noch ein PKW auf die Kivimo, zwei weitere Radfahrer und eine Fu?g?ngerin. So treten wir die Fahrt zwischen den Inseln an. Der Martose verlangt 4 Euro f?r mich und mein Fahrrad f?r die zweist?ndige ?berfahrt und kaum hat er alle Passagiere abkassiert, muss er auch schon die Bordwand wieder absenken, denn an der ersten Haltestelle steigt die Fu?g?ngerin aus. Am n?chsten Steg wird der Kapit?n von einem alten M?nnlein herangewunken, das sich mit auf eine der n?chsten Inseln nehmen l??t, dorthin, wo auch der Autofahrer bleibt. Die n?chsten Stege werden nicht mehr angefahren, denn es sind keine potentiellen Passagiere zu sehen. So kommen drei Radfahrer eine halbe Stunde vor der im Fahrplan festgelegten Zeit auf Ini? an, im Hafen von Norrby.

Auf Ini? gibt es zwei Ortschaften, die der Einfachheit halber nach ihrer Lage benannt wurden: Norrby ist das "Norddorf", S?derby das "S?ddorf". Dass man sich diese Namen so leicht ableiten kann auch wenn man kein Finnisch versteht liegt daran, dass Ini? fast nur von schwedischsprachigen Finnen bewohnt wird. Als Finnland von Schweden kolonialisiert wurde, kamen die Siedler von Stockholm aus ?ber das Meer, und landeten zuerst auf ?land oder finnisch Ahvenanmaa, einer Inselgruppe, zwischen Finnland und Schweden im Meer gelegen, und auf den vielen anderen Inseln nach Finnland hin. Wegen der gro?en Mehrheit von schwedischsprachigen auf den Inseln, gab es zur Zeit der finnischen Unabh?ngigkeitserkl?rung 1917 Streit um die Inseln, denn ihre Bewohner wollten lieber Schweden werden, als von der finnischsprachigen Mehrheit regiert zu werden. Der Ausbruch eines Krieges zwischen den beiden nordischen Staaten konnte durch internationale Schlichtung verhindert werden, die f?r ?land eine weitgehende Autonomie und Entmilitarisierung vorsah. Die kleineren Inseln im Archipel, n?her am finnischen Festland gelegen, blieben jedoch trotz ?hnlicher Sprachverh?ltnisse unter finnischer Direktregierung.

Norrby ist die gr??ere der beiden Ortschaften auf Ini?, denn hier gibt es die Kirche der Insel. Hier gibt es au?erdem die kleine Bank, die an nur drei Tagen der Woche f?r wenige Stunden ge?ffnet wird, das kleine Gesch?ft, das nicht nur Lebensmittel, sondern auch die wichtigsten G?ter des t?glichen Bedarfs anbietet, und die Postfiliale. Dazu gibt es ein Gemeindehaus, das Pfarrhaus und einige Bauernh?fe und Pensionen, die nur im Sommer ge?ffnet haben. In S?derby gibt es nur Bauernh?fe, eine Pension, den Segelhafen und eine Jugendherberge. Neben der recht heruntergekommenen und nicht mehr regelm??ig genutzten Jugendherberge gibt es den tanssilava, den Tanzboden der Insel: ein einfacher Bretterboden, grob zusammengezimmert, von einem Verandadach vor der Witterung gesch?tzt. Auf diesen Brettern wird seit Beginn des 20. Jahrhunderts der finnische Tango getanzt, der, so sagt man, die Finnen vor dem Aussterben bewahrt, denn dabei finden besonders in den l?ndlichen Gegenden noch viele Ehen ihren Anfang. Dem Tanzboden in S?derby sieht man an, dass gestern hier gefeiert wurde, denn es liegen noch einige Bierflaschen im Gras und die Asche der Feuerstelle ist noch ganz frisch. Gefeiert wurden die k?rzesten N?chte des Jahres, ein Fest, zu dem sich die St?dte entv?lkern und Orte wie Norr- und S?derby stark anwachsen.



Ein alter tanssilava


Auf dem Weg zwischen der Jugendherberge und der Schotterstra?e zur?ck nach Norrby liegt etwas abseits hinter Holunderb?schen eine Ruine. Nein, eigentlich sind es drei, denn neben dem Wohnhaus mit dem eingefallenen Dach stehen noch die Au?enmauern einer backsteinernen Sauna - oder Bastu auf Schwedisch - und einige Balken und Bretter ragen als ?berreste einer Scheune in den blauen, sonnigen Himmel. ?ber zwei morsche Treppenstufen gelangt man in den einzigen noch ?berdachten Raum, einen Vorraum des h?lzernen Wohnhauses. Darin befinden sich einige alte M?bel, ein Regal, ein kaputter Schaukelstuhl, ein zusammengebrochener Tisch. Auch zahlreiche alte Haushaltsgegenst?nde liegen hier noch herum: dickbauchige Glasflaschen, altes, rostendes Essbesteck mit s?belgro?en Messern, ein Butterfass, sogar einige alte finnische M?nzen von geringem Wert liegen auf dem Boden verstreut. Niemand hat das leerstehende Haus gepl?ndert, nur die Natur hat sich ?ber es hergemacht. Die beiden anderen R?ume, von denen einer die K?che, der andere die Wohnstube gewesen sein muss, sind nicht mehr zu betreten, denn die Bodendielen sind weggefault. Durch das offene Dach scheint die Sonne herein, einige hellgr?ne Pflanzen wachsen in den Zimmern. Von den W?nden bl?ttern verschiedene Schichten Farben und Tapetenreste ab, die das Haus f?r Jahrzehnte durch alle Moden gef?hrt haben m?ssen. Aus den W?nden quillt faulendes Stroh, das als D?mmaterial gedient hatte. Nur der gemauerte Schornstein, an den noch ein dunkelgr?n glasierter Kachelofen angeschlossen ist, scheint sich gegen den Verfall noch wehren zu k?nnen und ragt trutzig in die Leere des Daches hinauf. Es scheint, als h?tten sich die Erben dieses Hofes einfach nicht mehr um das Anwesen gek?mmert, sondern des dem Verfall anheim gegeben, als die letzten Bewohner verstorben sind.



Die Kirche und der Friedhof von Norrby.


Eine lange Schlange Autos, nicht mehr nur die drei Radfahrer, wartet auf die Ankunft einer gr??eren F?hre, die nach dem Wochenende der Sommersonnenwende viele Besucher von der Insel zur?ck ans Festland bringen soll. Junge Familien kommen f?r einige Tage hier her, um mit den Gro?eltern das traditionelle Juhannusfest zu begehen. Manche kommen im Sommer auch f?r mehrere Wochen und verbringen auf dem Land ihre Ferien. Aber sp?testens mit dem Beginn der Schule, leert sich die Insel wieder. Auf die Abfahrt der Aurora wartend, diesmal ist es ein richtiges Schiff, das rund 50 Autos aufnehmen kann, f?llt mir ein Bauernhof wieder ein, der an der drei Kilometer langen Stra?e zwischen Norrby und S?derby liegt. Er war mir aufgefallen, weil die finnische Fahne, das hellblaue Kreuz auf wei?em Grund, nur auf halbmast hing, w?hrend die alle anderen Fahnen noch die Mittsommernacht feierten. Von dort sind es nur wenige Kilometer zu der Kirche in Norrby, die ich nicht besichtigen konnte, weil gerade eine Beerdigung stattfand. Das Grab auf dem Friedhof um die Kirche war schon ausgehoben, der Tote sollte zwischen einem ?selholm und einem Bj?rklund begraben werden.

Ich rechne eins und eins zusammen und frage mich, ob wohl bald auch der Schornstein des Hofs mit der Fahne auf Halbmast in die offene Leere des Himmels ragen? - Der Matrose macht die Leinen los: es gibt viele Wege von Ini?.
30.7.05 12:33


Tageshöhepunkte

...sind ja wohl kaum zu erwarten, wenn es regnet. Den ganzen Tag schon. Aufgewacht bin ich davon, dass schwere Tropfen in schneller Folge auf meine metallerne Fensterbank gefallen sind. Der Wind kommt heute aus dem Westen und bringt vom Meer viel Wasser mit sich, das in dunklen Wolken nicht sehr hoch ?ber den Himmel zieht. Keine Menschen waren auf der Stra?e zu sehen, als ich den Tag ?ber am Schreibtisch sa? mit meinem gewonten Blick aus dem Fenster: die Fassade des Hauses gegen?ber war v?llig nass, irgendjemand hatte Zimmerpflanzen auf den Balkon gestellt, um sie vom Regen entstauben zu lassen, Menschen waren aber keine zu sehen. Nicht einmal der Raucher aus dem zweiten Stock von gegen?ber hat sich heute auf den Balkon gewagt. Auf dem Fu?weg stehen tiefe Pf?tzen, auf der Stra?e rinnt das Wasser in kleinen Wellen ?ber den Teer. Die Birke sieht gebeutelt aus von Wind und Regen. Ich kann mich an nur einen Fu?g?nger mit Hund erinnern, der in ein wehendes gelbes Regencape geh?llt war und dazu noch einen Regenschirm trug. Offenbar war es so ein Wetter, dass man nicht einmal den Hund vor die T?re gejagt h?tte - au?er vielleicht dem einen dort drau?en.

Kalt ist es dabei eigentlich nicht, nur na? und windig. Das kommt davon, wenn das Meer so nahe ist, die Wolken haben ihren Balast noch nicht andernorts abgeworfen und holen das jetzt an der K?ste nach. Der Nachmittag ist gekommen, und ich versp?re das Bed?rfnis heute wenigstens einmal das Haus zu verlassen. Also trete ich einmal vor die T?re, wo mich der Regen sofort empf?ngt und das Hemd an den Schultern schwer werden l??t. Weil ich nun schon na? bin - so empfinde ich es jedenfalls gerade - beschlie?e ich ein bi?chen radfahren zu gehen. Ich muss schnell fahren, sonst w?rde es k?hl werden mit dem nassen Hamd auf der Haut und dem recht starken Wind. Als einziger Radfahrer auf der Stra?e, neben vielen Autos und vollen Bussen, die Gischt hinter sich aufwirbeln, fahre ich durch die Stadt in der kaum Fu?g?nger zu sehen sind. Die wenigen Leute im Freien tragen gro?e Regenschirme.

Das Radfahren hat angefangen Spa? zu machen jetzt, da das Wasser sowieso aus den Haaren str?mt, von der Nase tropft und hinten in die Hose flie?t. Ich fahre weiter, der Stra?e entlang die nach Naantali f?hrt. Diese Stadt liegt ungef?hr 20 Kilometer von Turku entfernt, ist ber?hmt f?r seine vielen, erhaltenen Holzh?user und die Muuminwelt , einem Erlebnispark f?r Kinder, in dem die freundlichen Nilpferde von Tove Jansson leben. Au?erdem liegt auf einer der vielen Inseln dort das Sommerhaus der Pr?sidentin. Inzwischen kleben Hemd und Hose am K?rper, aus den Schuhen tropft das Wasser, wenn der Fu? beginnt auf das Pedal zu treten. Die schweren Regentropfen schmerzen fast ein bi?chen im Gesicht, k?hlen aber zusammen mit dem Gegenwind: Schwei? und Regen sind seit langem schon nicht mehr zu unterscheiden.

Immer wieder spritzen von der Seite Autos Pf?tzenwasser bis auf den Radweg, das von der Seite und in gro?en Mengen doch eher unangenehm ist. Aber auch Radfahrer sind nicht mehr davor gefeit, sich gegenseitig na?zuspritzen: ein Mountainbiker kommt mir entgegen, auch er einer der wenigen Verr?ckten die heute mit dem Rad unterwegs sind. Wir begegnen uns gerade in einer Pf?tze. Seine breiten Reifen verdr?ngen und -spritzen viel mehr Wasser als meine d?nnen Rennradreifen, ich bekomme also das meiste ab. Daf?r verlangsamt ihm aber der Wasserwiderstand st?rker. An einer roten Ampel schaut mich ein Autofahrer von der Seite an und beginnt leicht den Kopf zu sch?tteln. Mit tropfendem Haar und v?llig durchn??t, l?chele ich dem ?lteren Herren zur?ck in seinen Mercedes.

In Naantali angekommen fahre ich ?ber die Br?cke auf die Insel mit dem Erlebnispark. Dort wo der Weg zum Park abbiegt stehen zwei M?nner in schwarzen Anz?gen und mit schwarzen Regenschirmen. Sie begr??en die G?ste, die sich heute in den Park verirren. So wenige sind es gar nicht, denn viele Leute kommen extra f?r diesen Park von weit her angereist und lassen sich von den hohen Eintrittspreisen nicht abschrecken. Da mir die beiden Parkw?chter nachschauen, rufe ich ihnen zu "Willkommen im sonnigen Naantali" - den Wahl- und Werbespruch dieser Stadt. Denn tats?chlich ist das die Gegend, die am meisten Sonnenstunden und das w?rmste Wetter in Finnland hat. Sie lachen nur, best?tigen das, aber bleiben unter ihren Regenschirmen stehen.

Am Ende der Freizeitparkinsel gibt es einen ?ffentlichen Badestrand, der heute erwartungsgem?? menschenleer ist. Ich m?chte es mir nicht nehmen lassen, eine Runde im Meer zu schwimmen. Das Wasser ist warm im Vergleich zur Luft, angenehm schmiegt es sich an die Haut. Die wegen des Windes ungew?hnlich hohen Wellen auf dem sonst so flachen Inselmeer schlagen mir ins Gesicht, und die Regentropfen spritzen Meerwasser in die Augen. Trotzdem ist das Baden heute ein besonderes Erlebnis.

K?hl wird es nur, als ich aus dem Wasser und in die triefenden Kleider steige. Das Blut ist nicht mehr in Bewegung, das Radfahren ist eine Weile her, und der Wind k?hlt die nasse Haut aus. Ich mache mich daher schnell auf den R?ckweg: die Herren am Empfang sind gegangen, und die G?ste str?men zur?ck auf das Festland. Der R?ckenwind ist jetzt noch st?rker als ich den Gegenwind in Erinnerung habe, und so geht es schnell wieder auf Turku zu. Fast etwas zu schnell, denn eine der Kurven im Radweg ist zu eng f?r die hohe Geschwindigkeit und ich lande mit dem Fahrrad in einem Stra?engraben. Dass dort auch noch Wasser steht, macht keinen Unterschied mehr.

Triefend und schmutzig vom Sturz komme ich wieder in Turku an. Bei einer Tasse Tee fallen mir dann gleich zwei Tagesh?hepunkte ein, die ich diesem Regentag abgerungen habe: der Sprung in das warme Meer und die hei?e Dusche nach der R?ckkehr.

Am n?chsten Morgen werde ich wieder durch Sonnenstrahlen in meinem Gesicht geweckt, die Regenwolken des gestrigen Tages haben sich verzogen.
30.7.05 14:40





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