Ferdinand in Finnland
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Panama im Schnee

Ende November schneit es in Berlin. Mir geht durch den Kopf, wie man solch ein Fest nur an diesem grauen, kalten und verschneiten Tag feiern kann, wie er heute ist. Das frage ich mich besonders, weil ich mit dem Fahrrad unterwegs bin - ohne Handschuhe, denn die hatten im letzten Winter, dem finnischen, so viele L?cher bekommen, dass ich sie nicht mehr anziehen will. Es geht vorbei an einigen Baustellen, die es in Berlin nach 15 Jahren Einheit wieder vermehrt gibt. Dann sto?e ich auf die erste Pr?sentierstra?e: die Friedrichstra?e. Einige Meter durch die Autos geschl?ngelt, durch eine Demonstration von Streikenden ?rzten der Chrit?, dem gr??ten Uniklinium Europas, und dann nach links auf Unter den Linden abgebogen.

Jetzt schneit es mir direkt ins Gesicht, so dass ich meine M?tze noch etwas tiefer in die Stirn ziehe. Auf der Brille schmelzen die Flocken und erschweren mir die Sicht. Wenn ich nicht hin und wieder ?ber meine Hose streichen w?rde, w?re sie schnell sehr nass. Bis zur Hose kann ich noch sehen, aber die abgesperrten Stra?en, die zur Botschaft der USA und der von Gro?britannien f?hren, lasse ich links und rechts liegen, durch die Tropfen w?ren sie auch schwer zu erkennen. Zum Schluss noch an der Gro?baustelle der Kanzlerbahn vorbei und ich stehe vor dem Wahrzeichen der deutschen Einheit: dem Brandenburger Tor.

Das Fahrrad angeschlossen, den Schnee von der Jacke gesch?ttelt, den Schal gelockert und auf die T?re zu, die mir aufgehalten wird. Zwar hatte ich die Wassertropfen von der Brille gewischt, aber jetzt ist sie beschlagen und ich sehe schon wieder nichts mehr. Man weist mich zur Gaderobe, was auch n?tig ist, denn in dem kleinen, von Menschen in Rock und Bluse oder Anzug gef?llten Foyer ist es warm. Und das soll auch so sein.

Nach der Begr??ung durch eine kleine Dame mit dunklen Haaren, die mir einen Anstecker ans Revers heftet, gehe ich durch eine T?r und gleich kommt eine mittelalte, blonde Dame auf mich zu, sch?ttelt mir die Hand und begr??t mich abermals: "Welcome to Panama!"

Durch den kleinen Festsaal schwirren Kellner, die Sekt und Orangensaft reichen, auf den kleinen Stehtischchen sind rot-wei?-blau karrierte F?hnchen mit zwei Sternen darauf aufgestellt; im Hintergrund spielt eine Gruppe aus vier ?lteren Herren in wei?en Hemden und mit Strohh?ten s?damerikanische Weisen; in der Mitte des in warmen Farben gestrichenen, langgestreckten Raums steht ein mit Palmenzweigen und riesigen Orchideenbl?ten verziertes Buffet mit Ananas, Papaya, Mango und anderen exotischen Fr?chten und Speisen; viele der anderen G?ste sind eher klein, haben schwarzes Haar und eine etwas dunklere Hautfarbe; spanische, englische und deutsche Wortfetzen fliegen durcheinander.

Zun?chst bin ich etwas perplex von der nach au?en getragenen F?rmlichkeit der G?ste, dann komme ich aber schnell mit einer Arch?ologin ins Gespr?ch, die von ihren Ausgrabungsarbeiten in Panama erz?hlt. Ein weiterer Gast berichtet mir davon, wie er touristische Reisen in Mittelamerika organisiert und erw?hnt Anekdoten ?ber die um so vieles leichtere Lebensart in Lateinamerika. Im Raum ist es so hei? geworden, dass wir unsere Jacketts ablegen. "Wie in Panama", kommentiert er. Wir lauschen auf, als die Dame, die mir die Hand gesch?ttelt hatte, ihre Stimme erhebt und eine Note des Pr?sidenten von Panama verliest. Sie stellt sich als die Botschafterin heraus.




Daf?r ist Panama bekannt: Gro?es Containerschiff hat sich zwischen den Ozeanen verlaufen!


Als anschlie?end die Kapelle wieder einsetzt, beginnen einige Paare zu tanzen, andere klatschen den Takt mit, wieder andere stehen gelassen mit einem Glas Wein in der Hand an einem der Tische und schauen zu. Ein kleinerer, etwas korpulenter Mann erz?hlt neben mir gerade in feinstem Oxfordenglisch, welche Beziehungen er als kubanischer Botschafter mit anderen mittelamerikanischen Vertretungen in Berlin unterh?lt. Dann blickt er aus dem Fenster und freut sich dar?ber, dass Berlin bei Schneefall sehr viel netter wirke als sonst ?blich im November.

Nach einiger Zeit leert sich der Saal, die Musiker packen ihre Instrumente ein, die Kellner sammeln die leeren Gl?ser ein, und ich lege wieder meinen Schal um den Hals und ziehe Jackett und Jacke ?ber. Unter den bl?tterlosen Linden entlang geht es durch den Schnee, an den abgesperrten Stra?en und den Baustellen vorbei. Ich komme wieder in ein Geb?ude mit vielen, hochdeckigen B?ros, in dem der Paternoster in den Treppenh?usern rattert.

Im Lauf des Nachmittags fahre ich gedankenverloren auf den Bildschirm sehend mit der Hand ?ber das Hemd, um die Krawatte zu richten, und bleibe an etwas h?ngen. An meinem Revers h?ngt noch immer die kleine panamesische Flagge, die sich jetzt k?hl zwischen meinen Fingern anf?hlt. Aber mir wird bewu?t: Der mitt?gliche Ausflug ins Unabh?ngigkeitstag feiernde, tropische Panama war also doch nicht nur ein m?der Tagtraum.
1.12.05 01:08


Unabhängigkeit

Es ist neblig in der Nähe des Tiergartens. Der große Park speichert die Feuchtigkeit und entläßt sie abends als Nebel in die Luft. Das angestrahlte Brandenburger Tor steht verschleiert da, zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals drängen sich die Schwaden. Nach einigen Metern auf dem dunklen Schleichweg durch den Park steigt, vom quietschenden Geräusch aufgeschreckt, erst eine Krähe flatternd auf, gefolgt von hunderten weiteren Flügelpaaren. Unheimlich kreischen sie über den Bäumen.

Als ich durch den Park geradelt bin und viele Krähen von ihren Bäumen aufgeschreckt habe, stehe ich vor einem Gebäudekomplex, der von einem Band umspannt ist, das aus grünen Kupferpanelen besteht. In der Dunkelheit erkennt man nicht, dass es sich dabei um sechs Gebäude handelt, fünf Botschaften und ein Empfangshaus, die den Komplex der nordischen Botschaften in Berlin darstellen.

Gleich nach dem Eingang werde ich nach meinem Namen gefragt, der sich aber in keiner der ausgelegten Listen findet. Warum auch, weder bin ich eingeladen, noch hätte ich mich angemeldet. Ich wollte einfach nur kommen und sehen, ob ich trotzdem in das Gemeinschaftshaus der Nordländer komme. Komme ich aber nicht, obwohl ich versuche, die Empfangsdame auf Finnisch zu überreden. Zwar bekomme ich ihren Namen und die Telefonnummer, um mich für die Zukunft auf die Einladungsliste setzen lassen zu können, aber heute komme ich hinein. Der Empfang der finnischen Botschaft für die in Berlin lebenden FinnInnen findet ohne mich statt.



Die nordischen Botschaften in Berlin

Wieder draußen frage ich mich, ob ich nicht vielleicht etwas hartnäckiger hätte sein müssen, so dass ich doch noch zur Feier des finnischen Nationalfeiertags gekommen wäre. Es ist Nikolaustag, und während ich im Park wieder Krähen aufschrecke, geht mir durch den Kopf, was ich letztes Jahr an diesem Tag gemacht habe.

Es ist dunkel und naß, obwohl es nicht regnet. Es ist der vor sich hin schmelzende Schnee, der schon seit einigen Wochen auf Haufen liegt und die Straßen benetzt. Ein finnischer Student, zu erkennen an der weißen Studentenmütze auf dem Kopf, drückt mit eine Holzstange in die Hand und bittet mich, ihm zu folgen. Die Holzstange wird an einer Feuertonne entzündet und wird zur Fackel.

Die StudentInnen mit den Fackeln reihen sich auf der naßen und schon dunklen Straße auf und der Zug marschiert schweigend die Straßen entlang. Beeindruckend sehen die Hochhäuser aus, deren vielen Fenstern fast alle von Kerzen beleuchtet werden, und vor denen der schweigende Fackelumzug marschiert. Die blauen Kreuze der vielen Flaggen sind schon lange nicht mehr zu erkennen. Am Eingang zum Friedhof sind sie allerdings angeleuchtet, so wirkt der Begräbnisort noch viel dunkler und er duftet nach Nässe und Laub.

In der Mitte des Friedhofs, am Gedächtnisort für die gefallenen Soldaten von denen viele in den Wäldern Kareliens begraben sind, stellen sich die Fackelträger auf einer Treppe auf, ein Chor singt melancholische Choräle in Moll, es gibt Ansprachen - zuerst auf finnisch, dann auf schwedisch. Die preisen den Heldenmut der Soldaten gepriesen, die 1917 die junge finnische Unabhängigkeit verteidigt haben und unter denen eine Menge Studenten gewesen sind. Zum Abschluss wird die Nationalhymne gesungen: die erste Strofe auf finnisch, die zweite schwedisch, die dritte wieder finnisch. Die Sprachabfolge steht für die drei Universitäten in Turku: Turun Yliopisto, Abo Akademi, Turun Kauppakorkeakoulu.

Nachdem die letzten Klänge verstummt sind, geht es, wieder von den Fackeln begleitet, wieder dem Ausgang zu. Schauderhaft stehen die alten Grabsteine am Wegesrand und werfen ruckelnde Schatten. Der Chor hat sich in den Zug eingereiht und singt leise traurige Weisen.

Es ertönt ein Schlag, ich stürze. Ich stoße mir die Knie an, bleibe aber stehen. Wieder aus dem Park heraus, habe ich in der Dunkelheit eines Baumes einen Pfosten gerammt, das Hinterrad hat sich verbogen und rollt nicht mehr, klemmt nur noch. Am Abend dieses Unabhängigkeitstags scheint auch nichts zu funktionieren.
6.12.05 23:05


...dann musst Du das aber selbst machen!

Der Butler öffnet die Tür und geleitet die rund 15 jungen BesucherInnen in den etwas zu engen Vorraum. Flink nimmt er mit seinen weißen Glacéhandschuhen einem nach der anderen Jacke und Mantel ab und bittet dann, noch einen kurzen Augenblick zu warten. Schon Sekunden später steht der Hausherr, ein mittelgroßer Endsechziger mit einem dünnen, kurzgeschnittenen Haarkranz um den runden Kopf, in der Tür zum Wohnzimmer und bittet in sein Wohnzimmer. Beim Händeschütteln lächelt er aus dem alten, aber sehr freundlichen Gesicht und macht Bemerkungen über die kalten Hände des Besuchs: ob sich denn alle verlaufen hätten und es deswegen auf dem kurzen Weg von der Bushaltestelle zur Haustür kalt geworden sei? Er weist auf eine lange Tafel hin und bittet, Platz zu nehmen, während die beiden Bediensteten mit den Stühlen behilflich sind.

Außer der Tafel für zwanzig Personen stehen in dem Zimmer noch zwei edle Sofas und einige Sessel um einen Tisch, einige schlichte, aber kunstvolle Zeichnungen und Gemälde hängen über alten, eichenhölzernen Kommoden an den Wänden. Der Raum enthält Weihnachtsschmuck und wird außer vom dezenten Lampenlicht noch durch zahlreiche Kerzen erhellt. Der weiche Sandton der gestreiften Tapeten und die etwas kraftvolleren Vorhänge verbreiten Gemütlichkeit.

Alleine der erste Eindruck würde schon ausreichen um zu bestätigen, dass es sich bei dem Gebäude nicht um ein Haus, sondern um eine Residenz handelt. Der ältere Herr, Herr Wolf, hatte bei der Terminabsprache ja auch schon angekündigt, dass in seinem für drei Personen ausgelegten Büro weniger Platz sei als in seiner Residenz und er deswegen dorthin einlade. Aber es komme hier, wie der luxemburgische Premierminister Jean-Claude Juncker einmal gesagt haben soll, auf Qualität, nicht auf Quantität an. In Luxemburg hätte sein Land auch eine Botschaft, denn ganz monarchisch hätte sein Staatschef dorthin verwandtschaftliche Beziehungen. Beim Wort Qualität hellte sich sein Gesicht auch etwas auf, und er bittet Werner, den Herrn, der die Tür geöffnet hatte, Orangensaft und liechtensteinischen Sekt zu reichen. Über den Perlwein wird später jemand mit leicht gerötetem Gesicht und verschmitztem Lächeln sagen wird, dass das sicherlich kein Aldisekt gewesen sei.



Nicht die Residenz des Botschafters, sondern die seines Chefs, des Fürsten Hans-Adam II. von und zu Liechtenstein


Nach ein paar einführenden Höflichkeiten beginnt Herr Wolf zunächst ein bißchen über die Geschichte und Gegenwart seines kleinen Heimatlandes zu dozieren, von dem viele noch nicht einmal genau wüßten, wo es liegt. Hin und wieder flicht er etwas über seine eigene Biographie ein, und es wird deutlich, dass sein Heimatland außergewöhnlich sein muss, denn er ist vom studierten Germanisten über ein Lehreramt und den stellvertretenden Bürgermeister von Vaduz zum Minister für Bildungsangelegenheiten und letztlich zu einem der acht Botschafter Liechtensteins im Ausland aufgestiegen.

Nach dem schnellen Ritt durch die Geschichte des Fürstentums "am jungen Rhein" beginnt der alte Mann Anekdoten über sein Land und seine Botschaft zu erzählen, bis er müde wird. Dann ist sein Blick etwas leer und er sieht vor sich auf den Tisch. Trotzdem mache es ihm Spaß mit Studierenden zu sprechen, er ist ja selbst einmal einer gewesen.

So erzählt er davon, dass er in der Zeitung stand als der einzige Botschafter Berlins, der mit der U-Bahn fährt. Denn um die Steuerzahler im 35.000 Einwohnerland Liechtenstein nicht zu überstrapazieren fahre er nur zu wichtigen Anlässen mit dem Dienstwagen, der ein Privatwagen ist, für das er Kilometergeld bekomme. Fahren müsse dann Werner, der gerade behände über die knarzenden Holzdielen kommt, um Orangensaft und Sekt nachzugießen. Er habe es aber besser als die Minister von Liechtenstein, denn er können einen Botschaftsausflug mit dem PKW machen, während es vorkommen kann, dass sich die Regierung ein Auto leihen müsse, weil nicht alle fünf Minister in dem einen schwarzen Mercedes reisen könnten.

Besonderes Vergnügen scheint ihm die Geschichte zu bereiten, wie Liechtenstein darauf gekommen ist, eine Botschaft in Berlin zu eröffnen. Er selbst habe nämlich die Idee dazu gehabt und dann einmal mit dem Ministerpräsidenten darüber gesprochen. Nach einiger Überlegung, ob sich das Land eine achte Vertretung im Ausland leisten könnte, stimmte der dann zu. "Aber er hat das an eine Bedingung geknüpft", fährt er in seinem langsamen Schweizerdeutsch fort, "er hat gesagt: '...aber dann musst Du das aber selbst machen!'" So habe er vor drei Jahren dann begonnen, die Botschaft in Berlin aufzubauen. Erfahrung habe er gehabt, weil er bereits in Straßburg Botschafter gewesen sei.

Bevor der Butler mit den weißen Glacéhandschuhen die Mäntel und Jacken wieder von den Haken nimmt, den Gästen beim Anziehen behilflich ist, und sie durch die Dunkelheit hinaus zum Gartentor begleitet, beantwortet der Botschafter noch eine Frage: "Ist es denn schon einmal zu Schwierigkeiten gekommen, weil den Grenzbeamten die Pässe von Liechtenstein in exotischen Ländern, etwa in Laos oder der zentralafrikanischen Republik, nicht bekannt gewesen sind?" - "Nicht nur in exotischen Ländern, auch in Europa kommt das vor!", lautet die spontane, aber ehrliche Antwort.
14.12.05 02:51





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