Ferdinand in Finnland
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Arabische Militärmusik

Ich habe eine Berliner Nummer gew?hlt, zwei Mal klingelt das Telefon, dann meldet sich eine Frauenstimme. Ich verstehe nichts, ?berhaupt nichts, was daran liegt, dass sie wieder einmal eine mir v?llig unbekannte Sprache spricht. Nicht, dass ich nicht w?sste, dass es die Sprache gibt, aber ich habe sie noch nie bewu?t geh?rt und wei? auch kein einziges der Worte. Trotzdem wei? ich, was sie gerade gesagt hat. Und als ich auf Deutsch etwas nachfrage, vielleicht frage ich auch auf Englisch, stellt sie kurzerhand auf die andere Sprache um.

Eine kurze Erkl?rung meinerseits, und hier beginnen sich die viele Anrufe, die ich heute schon nach dem gleichen Muster get?tigt habe erst so richtig zu unterscheiden. H?re ich einfach ein paar polyphone Kl?nge, die irgendeine Melodie nachspielen, dann stammt die Sprache der Dame am anderen Ende der Leitung aus einem kleinen oder zumindest wirtschaftlich unbedeutenden Land. H?re ich aber eien Ausschnitt von einem klassischen Konzert, vielleicht auch einen Chanson oder gar Milit?rmusik, dann stammt die Sprache aus einem Land, das etwas auf sich h?lt und das auch im Ausland zeigen m?chte.

Denn ich rufe gerade bei einer Botschaft nach der anderen an. Im Alphabet folgen auf Afghanistan ?gypten und Albanien, sp?ter stehen Fidschi, Finnland, Frankreich nacheinander, und die Liste endet mit Vietnam, Zentralafrikanische Republik und Zypern. Und entsprechend wei? ich auch, wie der jeweilige Begr??ungstext am Telefon auf deutsch lauten w?rde: "Afghanische Botschaft Berlin, Guten Tag!" oder eben "Botschaft der zentralafrikanischen Republik in Berlin, wie kann ich Ihnen helfen?"

Interessanter finde ich aber die Besonderheiten, mit denen die Botschaften ihre landestypische Kultur verbreiten wollen. Die Melodie der Warteschleife kann der Standard einer Telefonanlage sein und versuchen ein paar seltsam schreckliche T?ne zu einer Melodie zu verbinden; sie kann aber auch nur aus der dreisprachig wiederholten Aussage bestehen, dass meine Verbindung gehalten w?rde; spannend sind auch arabische Milit?rmusik, brasilianische Urwaldtrommeln und peruanische Panfl?ten.

Meistens, aber nicht immer, versteckt sich hinter der Warteschleife die Referentin oder der Referent an der Botschaft, die oder der sich mit Umweltfragen besch?ftigt. Sie geben mir dann ihre Emailadresse und ihre Durchwahl: der n?chste Anrufer, der sich auf meine Kontaktdatenliste st?tzen kann, muss sich dann nicht mehr durch die Melodien der Telefonanlagen h?ren, darf es aber auch nicht, wenn er sich einen Sport daraus gemacht h?tte, die spannendste zu finden. Mein Favorit etwas ?ber der Halbzeit ist Estland, das etwas Windesrauschen, einen kleinen Wasserlauf und einen entfernten Specht aufgezeichnet hat.
10.1.06 14:47


Aussichten

Eigentlich ist es nicht der schönste Ausblick, der sich hier hinter meinem Bürofenster ausbreitet. Das Fenster ist gen Nordosten gerichtet und geht zu einem Innenhof hinaus. Sonne scheint hier keine herein, zumindest nicht im Winter, denn dann trifft sie nicht einmal auf die grauen Pflastersteine und den einen einsamen Baum im Hof. Die Freifläche ist überall mit mindestens fünfstöckigen Gebäuden umgeben, einheitlich, regelmäßig mit Fensteröffnungen versehen und hat vier Zufahrten.

Die eine Zufahrt ist immer geschlossen; mit einem schmiedeeisernen Tor werden Spaziergänger von der Promenade an der Spree davon abgehalten, einfach in das Auswärtige Amt zu kommen. Das gegenüberliegende Tor ist zwar meist geöffnet, aber von meinem Fenster aus nicht einsahbar, denn es liegt vier Stockwerke unter meinem Büro. Dass es genutzt wird erkenne ich dann, wenn sich das hohe, im selben Gelb wie die Häuserwände gestrichene Panzertor zum nächsten Innenhof öffnet. Dort werden hin und wieder kleine Container in Sicherheitstransporter verladen, vielleicht als Lieferungen der Filiale der Europäischen Zentralbank im Haus. Auch die Auffahrt von der Tiefgarage bietet nur insofern Abwechslung, als hin und wieder Autos aus der Dunkelheit auftauchen und unter meinen Füßen gen Sraße verschwinden.

Der Blick nach untern bietet nun wirklich keine besonderen Augenfreuden. Nur wenig höher als mein Fenster dagegen, wundere ich mich häufiger, wer denn bei solch winterlich kalten Temperaturen noch auf der Dachterasse steht. Eigenltich sollte ich mich an die Figuren gewöhnt haben, die als "Kunst am Bau" hoch auf dem siebten Stockwerk angebracht sind. Die Puppen blicken schon leicht über den grauen First des Zinnblechdachs hinweg auf das Panorama der Stadt.

Weil ich zu tief bin - vom vierten Stockwerk aus kann ich das Sechste nicht überblicken - erkenne ich davon nichts mehr, fast nichts. Nur das was die Berliner Telespargel nennen, dieser rostfarbene, bleiverglaste Ball, aufgespießt auf einem Betonstock mit einer rotweiß gestreiften Spitze, die noch weit in den Himmel hinaufragt, taucht aus dem Häusermeer auf. Regelmäßig, mit etwas längeren Abständen als eine Sekunde, blitzen am Rand des Bleiglasballs und am oberen Ende der Spitze Lampen auf, die selbst bei hellstem Sonnenschein zu erkennen sind.



Bisweilen fliegen hinter dem Ball, weit entfernt Flugzeuge vorbei; angestrahlt von der winterlichen Sonne sind auch sie am hellblauen oder sich schon am frühen Nachmittag gelblichen Himmel wie weiße Möven gut zu erkennen. Ihr Gegenstück, die zur frühen Dämmerung in Trauben über der Stadt kreisenden Krähen, halten sich meist vor dem Turm auf, fliegen mehrmals vorbei und verschwinden mit der Dunkelheit - entweder in ihrem Nachtquartier, oder aber dem fehlenden Kontrast zur Umgebung. Nur der Turm am Alexanderplatz blitzt dann noch durch die Dunkelheit in meinem Fenster.

Morgens, wenn es hell wird, taucht der Turm manchmal nicht aus der Dunkelheit auf. Dann ist häufig nur der Fuß des grauen Betonspargels zu erkennen, der sich schon wenig über dem gegenüberliegenden Dachfirst in den grauen Nebelwolken auflöst. Dann bleiben die Flugzeuge in der Ferne unerkannt, die Krähen kreischen, bleiben aber ungesehen. Die Touristen, die viele Euro bezahlen, um vom Turm auf die Stadt sehen zu dürfen, sehen an solchen Tagen höchstens eine helle Scheibe durch den Wolkenschleier scheinen.



Einmal, als sich der Nebel nach mehreren Tagen wieder etwas gelichtet hat, überraschte mich der Turm, an dessen Fehlen ich mich genauso gewöhnt hatte, wie zuvor an seine nahezu permanente Anwesenheit in meinem Ausblick. In den Nebeln hatten Arbeiter damit begonnen, was ein großes Telekommunikationsunternehmen als Werbegag für die Fussballweltmeisterschaft in diesem Jahr angekündigt hatte: in den wenigen Tagen, die der Turm über den Dingen stand und sich dem Blick entzog, hatte er sich zwei magentafarbene Sechsecke zugezogen. Ich werde wohl beobachten können, wie es noch mehr davon werden, bis ein überdimensionierter magenta-rostbrauner Fußball auf Erichs Protzstecken festgespießt ist.
17.1.06 09:46





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