Ferdinand in Finnland
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1000

Es ist bereits knapp zwei Jahre her, dass ich von meinen Studienplänen in Finnland studiert erzählte. Und die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Einige Menschen fanden das schön für mich, müsse doch nach dem guten Abschneiden in der PISA-Studie der Bildungsstandart dort hervorragend sein. Anderen waren etwas abwegige Themen wichtiger: ob es denn wegen der Eisbären nicht gefährlich sei, ob denn die Sonne dort überhaupt scheine, ob man sich das überhaupt leisten könne.

Insbesondere wegen solchen Vorurteilen hatte ich angefangen, Geschichten auf diesem Weblog zu schreiben. Aber es ist nicht nur bei meinen Studienerfahrungen in Finnland geblieben: zwar partizipiert der geneigte Leser nicht direkt an meinem Leben, konnte aber dennoch Einblicke in das Auswärtige Amt in Berlin, die Vereinten Nationen in New York und in die Abläufe in Leipzig gewinnen. Ich habe die "Kunst des Weblogs" auch für andere Dinge entdeckt.

Und Leser hat es in den letzten Monaten zahlreiche gegeben: Die automatisch geführte Statistik belegt, dass nahezu täglich jemand auf diese Website zugreift (auch wenn gerade gestern keiner) und es die Besucheranzahl inzwischen gut vierstellig ist. Vor einigen Tagen wurde diese "magische Grenze" erreicht. Verschiedentlich habe ich Hinweise bekommen, dass es nicht nur meine Bekannten sind, die sich hier umsehen. Wenn ich das richtig rekonstruiere, dann war längere Zeit ein Feuilletonist einer westdeutschen Zeitung unter den Lesern, und viele junge Menschen, die in anderen Weblogs regelmäßig über die Vorkommnisse oder Nichtvorkommnisse in ihrem Leben schreiben: Erledigte Hausarbeiten, gefeierte Feten, besuchte Kinofilme - das sind wohl die Dinge, über die am häufigsten in Weblogs veröffentlicht wird.

Auf meiner jüngsten Reise nach Finnland habe ich in einer Zeitschrift eine unglaublich hohe Zahl entdeckt, die um die 2500 lag. Sie gibt wieder, wie viele neue Weblogs täglich eingerichtet werden. Wenn ich darüber nachdenke, kann ich mir eigentlich fast sicher sein, dass dieser Eintrag nie gelesen werden wird, gibt es doch eine nahezu unbegrenzte Zahl an "Konkurrenz" - falls man das so nennen möchte. ich freue mich jedenfalls, dass es in den letzten Monaten trotzdem so viele Menschen auf diese Seiten verschlagen hat und hoffe, einige Vorurteile über Eisbären in Finnland beseitigt zu haben.
19.6.06 01:28


Tschland

Nun ist es so weit, der nationale Overkill ist erreicht. In den letzten Tagen haben die Fähnchen an den Fahrzeugen abermals zugenommen, obwohl es Leute gibt, die sich einen Sport darauß gemacht haben, just diese schwarz-rot-gelben Stofffetzen zu sammeln. Einige Geschäfte bieten zwecks Achtelfinale einen achtprotentigen Preisnachlass an, andere haben sich nationale Erkennungssymbole in die Schaufenster gehängt. An fast der Hälfte der Fußgänger in der Innenstadt konnte man heute dreigestreifte Fanartikel ausmachen, und an fast so vielen auch die mexikanischen und argentinischen Nationalfarben.

Nicht alles an der FIFA Fußballweltmeisterschaft 2006 (R) ist schlecht. Leipzig, diese Stadt mit fast einer haben Millionen Einwohner, hat endlich einmal soetwas wie ein internationales Flair bekommen, als hunderte, vielleicht sogar tausende Südkoreaner, Spanier, Niederländer oder Angolaner durch die Straßen zogen. Die Dichte der Sächsischsprachigen entlang der "Fanmeile" zwischen Oper und Neuem Gewandhaus (die Hochkultur wirkt anziehend) nimmt an den Tagen stark ab, an denen in Leipzig Spiele stattfinden. Und das ist wider den mitteldeutschen Regionalismus und damit an sich zu begrüßen.

Aber leider ist mit diesem etwas überdimensionierten Sportfest noch so einiges anderes verbunden. Fußballförmige Kopfbedekungen aus gelben, roten und schwarzen Sechsecken zusammengesetzt, Flaggen als Röcke umgebunden oder über die Schultern gelegt, Armbänder, gefärbte Haar, angemalte Oberkörper, Oberarme, Wangen - all das ist schon mehrere Stunden vor dem Beginn der Spiele auf den Straßen fast nicht zu übersehen. Und dazu diese Fähnchen, die an Fahrzeugen hängen.



Fussballfreude oder nationaler Overkill?

Am schlimmsten sind aber die Sprechchöre, die mit steigendem Blutalkohol der Grölenden nicht besser werden, und die Tröten. "...tschland, ...tschland!" hallt es durch die Straßen, rhytmisches Tröten dazu. Ich habe mir erzählen lassen, dass nach einigen Spielen der Mannschaft des Deutschen Fussballbundes auch schon "Sieg, Sieg!" skandiert wurde. Ich habe mich deswegen telefonisch bei der Polizei beschwert: eine Polizistin - sie hörte sich noch recht jung an und ich habe jetzt eine Vermutung, wo sich die Sächsischsprechenden verstecken - versuchte mich zu beruhigen. "Sie wissen doch, dass WM ist." Ja, das wusste ich, laut sei es trotzdem. Ob man denn da nichts machen könne? "Nein, da können wir auch nichts machen", hielt sie dagegen, damit müssten wir alle leben und das sei in allen Städten so. Dürfte ich denn wenigstens auch so laut feiern, falls ein deutscher ein internationales Schachturnier gewinne, oder vielleicht nur die erste Runde überstehe? Ich solle dann doch in meinem Haus die Nachbarn informieren, erklärte mir sie. Nun gut, werde ich mich also meinen Nachbarn erklären, und grölend und schreiend durch die Straßen ziehen.

Als das letzte Mal die "Sieg, Sieg!" Sprechchöre erklangen - trotz genauem Hinhören konnte ein "heil" dazwischen nicht ausgemacht werden, ließ ich mir ebenfalls erzählen - bewegte sich durch Leipzig auch eine Menge hupender Autos mit fähnchen und Fahnen. Nun sind sie Weltmeister geworden, dachte ich, aber den Nachrichten konnte ich entnehmen, dass sie nur die Gruppenspiele überstanden hatten. Dabei entdeckte ich, was ich eigentlich für unmöglich gehalten hatte: zwei Freunde von mir, beide ökologisch interessiert und auch engagiert, fuhren für eine Stunde fahnenschwenkend und hupend durch die Stadt. War da nicht etwas wie eine ökologische Doppelmoral? Oder ist es nur der nationale Overkill?
24.6.06 17:08





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