Ferdinand in Finnland
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Kohlenmänner

Die meisten Tagebaue um Leipzig sind inzwischen stillgelegt, nach und nach werden sie "renaturiert" und so entstehen im Leipziger Südraum mehr und mehr Seen. Früher kam aus diesen riesigen Löchern im Boden jene dunkelbräunliche Kohle, deren Geruch mir seit einigen Tagen jeden Morgen in die Nase sticht, wenn ich aus dem Haus gehe: dieser charakteristische Braunkohlegeruch. Schwer legt er sich um die Häuser und in die Straßen, in denen noch mit Kohle geheizt wird - und das sind einige, auch die Bernhard-Göring-Straße.



Braunkohletagebau

Seit die Blätter der Bäume vor meinem Fenster sich langsam verfärben, gelb, rötlich oder braun werden, werden meine Füße kalt, wenn ich am Schreibtisch sitze. Doch die Erinnerung an jenen Tag im warmen August ist noch nah, als sich unsere Hausgemeinschaft entschloss, gemeinsam Kohle zu bestellen: Im Hausflur hing ein Zettel, der die Preise für Böhmische, Lausitzer und Rekord-Brikett für Bestellungen im August und September angab. Der September war schon teurer als der August und für den Oktober wurden nur noch Fragezeichen angegeben - "Billige Sommerkohle" stand über dem Blatt. Außerdem warb die Firma damit, ein Familienunternehmen mit 127 Jahren Tradition zu sein.

Als die billigeren tschechischen Brikett dann im September geliefert wurden, war ich der einzige, der zu Hause war. Ein LKW mit offener Ladefläche fuhr vor, es stiegen zwei Männer mit vom Kohlenstaub geschwärzter Kleidung aus und fragten, in welchen Keller die Kohlen denn sollten. Leider war es ein Keller zum Hof, so dass sie die einzelnen Tragebutten durch die Einfahrt bringen mussten und nicht einfach über eine Schütte hinunterlassen konnten.

Die Brikett in die Trageeimer auf der Waage schaufelte der Chef persönlich, der mittelalte Eigentümer der Firma - es war aber nicht Kohlen Kluge, die Traditionsfirma von 127 Jahren, die letztes Jahr noch mit 126-jähriger Tradition geworben hatte, sondern ein Konkurrent im kleiner werdenden Kohlenhandel Leipzigs. Der Kleinere, Ältere von beiden, sein vielleicht 55 Jahre alter Angestellter, trug die Kohlen dann in den Keller und leerte sie dort. Schnell kam er ins Schwitzen, ging das Schaufeln doch schneller, als das Tragen. Nur einmal bekam er eine kleine Pause, als der Chef ans Telefon musste: ein Kunde brauchte einen Kostenvoranschlag zur Einreichung beim Wohngeldamt - "als ob die nicht wissen würden was die Kohle kostet" beschwerte er sich hinterher.

[Eigentlich sollte hier das Bild von einem Kohlenlaster sein, aber es gibt keine im Internet. Kohleheizung und Internet scheinen in unserer Zeit nicht kompatibel zu sein. Dafür eben die Kohlekumpel aus dem Ruhrpott:]



Weil ich etwas müsig neben dem Lastwagen stand und zusah, wie für jeden halben Zentner der in den Keller wanderte eine erst eine Kohle auf der Ladefläche aufgereiht wurde, und als die Hälfte der Kohle im Keller war, wieder eingesammelt wurde, bestätigte mir der Träger in seiner Pause, dass dies eine gute Kohle sei. Allerdings so stark sächsisch eingefärbt, dass ich nicht sofort verstand. Das schien ihm nichts auszumachen, denn er grinste mit seinem Mund, in dem noch ein paar vereinzelte faule Zähne im Unterkiefer steckten und erzählte einfach weiter: dass er die Wärme von einem Kohlenofen ja viel lieber habe, als die von einer Zentralheizung, weil man noch merke, wie es wärmer werde. Nur der Schutz in der Wohnung sei etwas unangenehm. Dann war seine Pause vorbei, und er musste sich wieder unter der Last der Kohle krümmen.

In die Butt wurde immer so lange eingeschaufelt, bis die Waage das erste Mal nach unten ausschlug. Dann legte er noch ein paar wenige Brikett von seiner Schaufel dazu und warf eine oder zwei wieder zurück, so dass das Gewicht zwar ruckelte, aber doch schwerer blieb als die Kohlenlast. Erst wunderte ich mich ein bißchen über diese Technik, doch schnell wurde mir einiges klar: Unter dem Werbezettel von Kohlen Kluge stand noch die Frage, ob man wieder mehr Kohle verbraucht habe, als im letzten Jahr. Falls das der Fall sei, solle man doch einmal das Eichamt bitten, die gelieferte Kohlenmenge zu überprüfen. Die Telefonnummer zum anschwärzen der Konkurrenz stand schon dabei.

Als alle 50 Abzählbrikett wieder auf den Haufen gewandert waren, wollte der schaufelnde Lieferant die Kohle sofort bar bezahlt haben. Als er mir die Rechnung gab, ging er auch noch auf seinen Kollegen ein, die Firma Kluge. Er gab mir einen Artikel aus der Leipziger Volkszeitung, in dem beschrieben wurde, wie eine Kohlenhandlung "aus dem Leipziger Süden" weniger kohlen liefere, als bezahlt wurden - rund 20%. Handschriftlich hatte er dazu notiert, um wen es sich handelte: "Fa. Kluge". Jetzt verstehe ich, warum Kohlenhändler schon zu Zeiten der DDR einen schlechten Ruf hatten: kaum einer hatte seine Waage geeicht.
20.10.06 15:27





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