Ferdinand in Finnland
  Startseite
  Über...
  Archiv
  På Svenska
  Suomeksi
  Photos
  Gästebuch
  Kontakt

   Luftgitarren

http://myblog.de/ferkku

Gratis bloggen bei
myblog.de





Klänge

Aus meiner Kindheit und Jugend bin ich es eigentlich nicht gewohnt, dass Türen ins Schloss fallen können und dann von außen einfach nicht mehr zu öffnen sind: Ich hatte immer in Häusern gewohnt, die eine Türklinke hatten. Dadurch gehörte das Abschließen dazu und somit war beim Verlassen des Hauses die Kontrolle gegeben, dass der Schlüssel dabei sein musste.

Nun wohne ich aber schon seit ein paar Jahren nicht mehr in Einfamilienhäusern, sondern in Wohnungen - und da sind Türklinken an den Außentüren selten. Ich habe mir deswegen angewöhnt, meinen Haustürschlüssel immer in der rechten Hosentasche zu tragen (außer bei einer Jeans, die ein Loch in der rechten, nicht aber in der Linken Tasche hat). Und davon weiche ich eigentlich nicht ab. Eigentlich - denn beim Wechsel der Hose kann es schon einmal vorkommen, dass ich den Schlüssel beiseite lege und erst später wieder einstecke.

An einem der ersten sonnigen und warmen Tages diesen Jahres passierte dann, was wohl einigen Leuten schon passiert ist: Ich trete vor die Tür, um die Post zu holen, gehe meine zwei Stockwerke nach unten und stelle fest, dass ich den Briefkastenschlüssel nicht dabei habe. Leider weiß ich genau, dass Briefkastenschlüssel und Wohnungtürschlüssel am gleichen Schlüsselbund hängen, so dass klar ist, oben werde ich auch nicht wieder reinkommen. Mit einer erhöhten Dosis Adrenalin im Blut überlege ich beim Treppensteigen, wo denn mein Mitbewohner ist um zu dem Ergebnis zu kommen, dass der für drei Tage bei seiner Mutter zu Besuch ist - 200 Kilometer entfernt!

Als ich vor der Tür stehe und schon leicht wütend über mich selbst gegen die durch Schlieren und Farbe undurchsichtig gemachte Glasscheibe in der Tür poche, öffnet meine Nachbarin ihre Tür. Durch mein Klopfen habe ich sie bei ihren ersten Fingerübungen beim Klavierspiel gestört, was sie angesichts der Situation aber für verzeihlich hält. Zwar würde sie mir auch einen Hammer leihen, meint sie, aber zunächst würde sie doch vorschlagen, erst einmal ihren Halbbruder zu rate zu ziehen. Der sei gerade aus der Klinik vom Drogenentzug zurück und hätte Erfahrung beim Öffnen von zugefallenen Türen - und würde sich wohl freuen, wenn er diese Kenntnisse nutzbringend einsetzen könne.

Naja, besser als die Scheibe einschlagen, denke ich mir, und die Nachbarin holt ihren Halbbruder und ihre Schwester mit dem Auto ab. Der leicht nach Alkohol riechende Verwandte bringt sein Werkzeug mit - Schraubenzieher, Brecheisen und verschiedene Drähte - und macht sich ans Werk. Krachend wirft er sich gegen die Tür, stochert mit dem Schraubenzieher klappernd am Schloss herum und führt durch den Briefschlitz Drähte ein, um die innere Klinke zu erreichen. Seine Halbschwester setzen sich dabei ans Klavier und spielen vierhändig Chopin und Beethoven - immer wieder durchbrochen von den Geräuschen der Arbeit an Tür und Schloss. Es sieht geschickt und geübt aus, wie er sich mit seinem Werkzeug zu schaffen macht, aber es dauert lange.

Nach zehn Minuten fängt er unter der Klavierbegleitung an zu fluchen, nach zwanzig Minuten wirft er sich immer fester gegen die Tür, die bereits tiefe Kratzspuren hat und nach einer halben Stunde tritt er ein letztes Mal feste zu: Nichts tut sich, nur der Briefschlitz klappert. Jetzt gebe er auf, meint der "Einbrecher", er brauche ein Bier - diese Tür sei nicht zu öffnen ohne sie zu zerstören. In diesem Fall ist das nur ein schwacher Trost.



So schlimm sah die Tür dann aber auch wieder nicht aus, auch wenn ein paar Spuren geblieben sind.

Mit großer Freude schlägt die Schwester der Nachbarin dann die Scheibe ein, die Scherben klirren und der Halbbruder packt enttäuscht aussehend seine Sachen zusammen. Das Bier öffnet er mit dem Griff des Schraubenziehers so, dass der Konkorken in hohem Bogen klimpernd die Treppe hinunterkullert. Noch am selben Nachmittag lasse ich vom Glaser einen alten Spiegel zurechtschneiden und setze ihn als neue Scheibe ein. Jetzt können Einbrecher sehen, wie sehr ihnen die Mühe mit der Tür zusetzt, kommentiere ich.

Ein paar Tage später fehlt auch in der Tür im Erdgeschoss die Scheibe und ist durch ein Brett ersetzt: Somit hat nur noch eine Wohnung im Treppenhaus ihr ursprüngliches Aussehen behalten.
5.5.08 13:02





Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung