Ferdinand in Finnland
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Nachhall

Wenn alle so denken würden, müsste die Welt ein wunderbarer Ort sein...

Über dem Redaktionsgebäude der Leipziger Volkszeitung wölbt sich ein flaches, gläsernes Tonnengewölbe, das sich trotz der Jalousien schon Mitte April wie ein sommerlicher Wintergarten überhitzt. Die Luft steht, ist fast stickig. Dafür weht draußen, auf der angrenzenden Dachterrasse ein sanfter Wind und die Vorhangsfreiheit gibt den Blick frei auf die Dächerlandschaften des südlichen Zentrums der Stadt.

Honoratioren verschiedenster Gruppen und Einrichtungen haben sich mit dem KONE(*)-Aufzug in den fünften Stock fahren lassen. Je schicker der Anzug oder die Kombination, desto mehr Gesprächspartner scharen sich beim Glas Sekt um die Würdenträger. Je mehr Tee-Shirt, Jeans oder Pullover an einem Menschen zu sehen ist, desto ruhiger ist es in seiner Umgebung. Man kennt sich - oder eben nicht.

"Footprints" ist der Name des Jazz-Ensembles, das in den offiziellen Teil einführt, und Fußabdrücke wollen auch symbolisch für den Inhalt stehen. Noch besser würde es der Begriff "Nachhaltigkeit" treffen, aber dieses Wort löst ja bekanntlich ein Gähnen aus. Denn die Veranstaltung soll würdigen - solche Leute, die Nachhaltiges für ihre Stadt tun: Kindern das Turnen beibringen, Wanderungen mit Rollstühlen veranstalten, Kinder dazu bringen in Suppenküchen mitzuarbeiten oder ähnliche Dinge. Und die, die das machen, haben keine Anzüge an und keine Kostüme.



Vielleicht fragt er sich ja: "Hallt das jetzt noch nach?"


So sieht es zumindest der Jung. Der ist nämlich Bürgermeister in Leipzig, und Burkhard heißt er mit Vornamen. Er gibt den Leuten Urkunden und freut sich, dass alle so viel für seine Stadt tun - denn er ist ja der Chef der Stadt und trägt natürlich einen Anzug. Ein bißchen anders sehen es die Leute, die kurz beschreiben, wer denn da eigentlich die Urkunden bekommt und die Damen heranwinken, die Blumensträuse übergeben. Aber auch sie tragen Anzüge oder Kostüme - je nachdem ob sie "Herr Doktor" heißen oder "Frau Doktor". Denen ist wichtig, dass sie sagen dürfen, warum sie Geld für die Urkunden ausgegeben haben. Gemeinsam ist allen RederInnen, dass sie sich freuen, die Urkunden übergeben zu dürfen. Und dann eben die Nachhaltigkeit, die hat es ihnen allen angetan.

Als dann fast alle mit Anzug oder Kostüm etwas gesagt haben, spielt noch einmal die Kapelle - eigentlich sind die "Footprints" ja nur ein Trio - und eigentlich warten alle nur darauf, dass es gleich wieder Sekt gibt, und Wein. Der Bürgermeister ist schon wieder weg, weil er schnell mit dem Auto zu einem anderen Bürgermeister muss. Die anderen Anzugträger unterhalten sich und bilden das, was einer in seiner Rede als der "Verbundnetz der Leipziger Initiativen" bezeichnet hat.

Als die wenigen Schnittchen mit Käse alle aufgegessen und nur noch solche mit Lachs, Kaviar oder Hänchenbrust übrig sind, hat sich der Kuppelsaal trotz der tollen Aussicht schon merklich geleert. Da greift der Bassist des Trios noch einmal zu seinem Instrument und spielt noch etwas vor sich hin. Wenigstens die Musik hallt noch etwas nach.

...oder müssten sie auch alle noch so handeln?

(*) "Kone" ist das finnische Wort für Maschine - für einen Aufzug also durchaus zutreffend...
16.4.07 14:56
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Ecki (20.4.07 10:37)
Wusste gar nicht, dass "Nachhaltigkeit" zum Schimpfwort geworden ist. Oder ist es nur ungeliebt in der Szene, weil abgenutzt und von den krawattierten und schwarzanzügigen so leicht im Munde geführt und damit entweiht? Ja, dann müsste man eben ein neues Wort kreieren, eins mit mehr Schärfe und weniger Beliebigkeit. Eins, das Herrn Jung entlarvt, wenn er bei der Nachhaltigkeitsparty Kaviar isst und anschließend mit dem 210-Gramm-Dienstfahrzeug davonbraust.

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