Ferdinand in Finnland
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Nachbarn

Die Geschichte der finnischen Unabhängigkeit ist noch nicht besonders lange. Bis 1917 wurde das Land abwechselnd von seinen westlichen und östlichen Nachbarn kontrolliert, erschlossen, besetzt, ausgebeutet - ja nach Sicht. Zwar dauerte der Einfluss der Schweden länger - sie haben im Lauf der Zeit zahlreiche Siedler mitgebracht, die jetzt als Finnlandsschweden als Minderheit mit den weitreichendsten Rechten gelten - doch wurde die Unabhängigkeit 1917 unmittelbar nach der Oktoberrevolution dem russischen Zarenreich abgerungen.

Vor diesem Hintergrund könnte man meinen, die Finnen hätten Grund, sich von zumindest diesen beiden Nachbarn abzugrenzen. Norwegen, das dritte Land, mit dem Finnland eine gemeinsame Landgrenze hat, war selbst lange Zeit Opfer des schwedischen Großmachtstrebens. Doch die Abgrenzungen und subtilen Animositäten sind doch recht einseitig und auf Russland bezogen. Liegt die schwedische Erfahrung einfach länger zurück?

Ein Blick auf die Landkarte mag verdeutlichen, weshalb Russland und nicht Schweden bei einfachen Finnen negative Assoziationen hervorruft: Die 1100 Kilometer lange finnische Ostgrenze - gezogen 1941 nach dem Winterkrieg, der Verteidigung Finnlands gegen einen Überfall der Sowjetunion - gilt als die EU-Außengrenze mit dem stärksten Wohlstandsgefälle. Und dabei leben auf der anderen Seite die Karelier, ein Volk das über seine Sprache eng mit den Finnen verwandt ist.

Ein gutes Beispiel für die mangelnde gegenseitige Nachbarschaftsliebe nördlich des finnischen Meerbusens war im Juli am Himmel über Helsinki zu sehen: Der Horizont war dunstig, direkt etwas rötlich, obwohl der Himmel ansonsten wolkenlos war. Eindrücklicher noch war der Geruch. In ganz Südostfinnland roch es nach Rauch, als würde man am Lagerfeuer sitzen, vielleicht ein bißchen verdünnter und kälter nur. Die Ursache waren ausgedehnte Waldbrände in Nordwestrussland, die seit Tagen, Wochen gar, schwelten und sich weiter ausbreiteten.

Als in Helsingen Sanomat, der größten nordischen Tageszeitung, die wanchsende Feinstaubwerte kritisiert wurden und sich eine ältere Frau von der Ostgrenze in einem Leserbrief beschwerte, dass sie ihre Wäsche gar nicht mehr zum Trocknen ins Freie hängen könne, bot die finnische Regierung Amtshilfe an. Sie sei bereit Löschflugzeuge und Spezialisten zur Unterstützung der völlig überforderten russischen Feuerwehren zu schicken. Das schlug Moskau aber aus, so dass die Wäsche weiterhin nach Rauch stank, bis der Wind sich drehte und Regen brachte.



Die Mannerheim-Reiterstatue vor dem Reichstag in Helsinki

Doch auch in der Vergangenheit grenzt sich das offizielle Finnland vom Osten ab. Derjenige Mann, der am ehesten als Verteidiger der finnischen unabhängigkeit gelten kann, ein General namens Mannerheim, wird im ganzen Land mit Straßennamen, Statuen und Gedenksteinen geehrt. Sein Reiterstandbild vor dem Parlament wird als herausragende Sehenswürdigkeit Helsinkis gehandelt und im niedrigen Kiefenwald auf der sandigen Halbinsel von Hanko wird mit großen Hinweisschildern auf der Nationalstraße beworben.

Biegt man dann tatsächlich von der ausgebauten Straße zum südlichsten Zipfel finnischen Festlandes ab, endet die Teerstrecke schnell. Vorbei an geisterhaft verlassenen und verfallenden Betonbunkern, häßlichen Einfamilienhäusern aus den 50er und 60er Jahren und dem Fuhrpark eines Entworgungsunternehmens gelangt man auf einen schlaglochübersäten Waldweg. Weitere Schilder ermutigen den Besucher, doch jetzt nicht aufzugeben und zurück zur Nationalstraße zu fahren. Wer weiter in den Wald vordringt gelangt schließlich an einen großen roten Stein. Die Inschrift gibt an, dass er diejenige Stelle markiere, an der Mannerheim stand, als er den Befehl gab die russischen Truppen anzugreifen, die bei Hanko ihre Stellungen hatten. Sonst gibt es nur eine Gabelung der Waldwege, die beide in die endlose Leere des finnischen Waldes führen.

Die Unterschiede in den Beziehungen zu den beiden Nachbarstaaten verdeutlicht dieser Stein ganz besonders: während auf der nahen Nationalstraße russische LKW der finnischen Wirtschaft zum Wachstum verhelfen, markiert der Stein den Krieg mit dem östlichen Nachbarn - mit einer Inschrift auf finnisch und natürlich auch schwedisch!
8.9.06 19:08
 


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