Ferdinand in Finnland
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Lieber Seán,

mit viel Freude und Interesse habe ich Deine sechs Bände Autobiographie gelesen, die in ihrer deutschen Übersetzung zu fünf Bänden zusammengefasst wurden. Natürlich wurden sie in der DDR übersetzt, nicht in der BRD, und natürlich gibt es keine aktuelle Auflage mehr. Nehme ich richtig an, dass ein kapitalistischer, rein gewinnorientierter Verleger Dich ohnehin abschrecken würde? Oder vielleicht nicht, immerhin hast Du sie ursprünglich in England und Irland publiziert, nicht in der Sowjetunion von damals. Sicher würdest Du wollen, dass Deine Schriften zu einer sozialistischen Erziehung der Jugend beitragen -- einige Wenige immerhin könnten selbst heute noch, zu Zeiten da der Neoliberalismus zum herrschenden Paradigma wurde, für Deinen strengen Sozialismus gewonnen werden. Naja, einige Deiner Stücke gibt es jedenfalls noch in aktueller Auflage in den USA - manche sogar auf deutsch.

Ich habe noch nicht nachgefragt, ob ich Dich überhaupt informell mit "Du" ansprechen darf. Der Respekt vor dem Alter ist Dir wichtig gewesen, wie auch das Wahren gewisser Formalitäten. Andererseits halte ich mich hier lieber an Deine andere Seite, in der Du überkommenen Traditionen den Kampf angesagt hast: So wie es für Dich lästig war, mit einer Frau nicht zusammen wohnen zu dürfen, mit der Du nicht verheiratet warst, so würde ich es als lästig empfinden, Dich siezen zu müssen. Und überhaupt bin ich auch einmal Du gewesen: Im Frühjahr 2000 auf den Brettern, die anderen die Welt bedeuten war ich Du, liebte wie Du, kämpfte wie Du und starb wie Du Dir vorgestellt hast, dass Du theatertauglich sterben könntest. Gerade deswegen und weil ich von einigen Deiner Ideen überzeugt bin und viele Deiner Ideale teile, will mir das "Sie" überkommen scheinen.

So würde ich mich Dir sofort anschließen, wenn es darum geht, eine würdige Bezahlung auch für die Arbeiten zu verlangen, die von vielen Menschen auch ohne Ausbildung geleistet werden können. Arbeitskraft darf eben nicht nur ein weiteres Produkt auf dem Markt sein, dessen Wert sich über Angebot und Nachfrage bestimmt. Diejenigen, die ihre Zeit und körperliche Kraft zur Verfügung stellen, haben ein menschenwürdiges Leben verdient, in dem sie die Zeit und die Mittel haben, um sich mit Kunst, Kultur und Kreativität beschäftigen können. Habe ich Dich in diesem Punkt richtig verstanden? Würdest Du das ähnlich formulieren, wenn Du heute, 43 Jahre nach Deinem Tod und nach dem fast vollständigen Ende des Staatssozialismus in Europa wieder oder noch die Möglichkeit dazu hättest?



Jeán O'Casey: Manchmal wurde er angefeindet, weil er Rollkragenpullover liebte und keine Krawatten trug


Viele andere Punkte, jedoch, sehe ich grundlegend anders als Du. Sicherlich bin ich ein Kind meiner Zeit, wenn ich davon überzeugt bin, dass auch in sozialistischen Ländern die individuelle Freiheit stark eingeschränkt wird, vielleicht noch stärker, als in kapitalistischen. Und ich zeige, dass ich zu Beginn des 21. Jahrhunderts lebe, wenn ich Dir vorwerfe, den Menschen - ähnlich wie Marx - auf ein materialistisches Wesen zu beschränken. Auch Dein Wettern gegen die Kirchen als eine Quelle allen sozialen Unheils und verschwörerischen Haufen mit einer Moral nach Innen und einer zweiten nach Außen sehe ich sicherlich aus heutiger Sicht etwas anders. Das Irland des ausgehenden 19. Jahrhunderts wird vermutlich viel mehr Anlaß zur Kirchenkritik gegeben haben, als es das säkulare Ostdeutschland des beginnenden 21. Jahrhunderts.

Auf anderen Gebieten kann ich Dir jedoch nicht zugute halten, ein Kind Deiner Zeit gewesen zu sein. Die Form des etwas bizarren anglo-irischen Nationalismus, die ich aus Deiner Autobiographie herauslese, die gleichzeitige Kritik am Begriff Nation und das wohlwollende Hervorkehren des irischen Mythos scheinen mir spätestens zu der Zeit veraltet gewesen zu sein, zu der Du Dein Leben beschrieben hast. Dass Du Dich dem englischen Nationalismus anschließt, kann ich noch viel weniger nachvollziehen, wenn das zu einer Zeit geschieht, in der das Inselreich weite Teile des Globus beherrscht und ausbeutet, und dabei sicherlich nicht als Vorreiter des Sozialismus und des gerechten Umgangs mit Menschen nicht-europäischer Abstammung gelten kann. Die Abschaffung des Sklavenhaltung ist das eine -- die aktive massenhafte Ausbeutung beim Bau von Schienensträngen, Kanälen oder dem Raubbau von Rohstoffen das andere.

Den entschiedensten Widerspruch muss ich jedoch Deinen Aussagen über den Krieg gegenüberstellen. Es scheint Dir keineswegs klar gewesen zu sein, dass Krieg immer auch unschuldige Opfer hervorbringt -- und das auf beiden Seiten. Es mag sein, dass Du aus politischen Gründen, gerade vor Deinem marxistisch-sozialistischen Hintergrund glaubtest, dass Opfer gebracht werden müssen, um politische Ziele zu erreichen. Aber glaubtest Du so wenig an das Gute im Menschen, um tatsächlich Rache zu fordern im Sinne einer zehnfachen Heimzahlung von angerichteten Schäden und dem zehnfachen Mord von Zivilisten auf der anderen Seite der Schützengräben? Hast Du nicht gesehen, dass jeder Vater zu kriegszeiten ähnliche Empfindungen haben wird, wie Du, wenn Du um Deine Söhne fürchtest? Ist das Glück von zehn Familien weniger wert als das einer Familie, nur weil sie durch eine Grenze -- was ist das überhaupt, eine Grenze? -- getrennt sind, weil sie eine andere Sprache sprechen? Erschreckt es Dich nicht, dass selbst die von Dir so verachtete, ja gehasste Kirche mit ihrem Dogma der reduzierten Rache à la Auge um Auge, Zahn um Zahn viel menschenfreundlicher, ich würde gar behaupten: fortschrittlicher, ist als Du?

Wie dem auch sei, diese Gedanken von Dir wirkten sehr abschreckend auf mich. Weitergelesen habe ich dennoch, alle rund 1400 Seiten. Jede einzelne. Zwar habe ich nicht alle verstanden, viel zu häufig sind die Menschen, von denen Du schreibst nicht in die Geschichte eingegangen, so dass ich von ihnen wüsste, aber trotzdem habe ich kaum eine bereut. Im Gegenteil, sie haben mir in ihrer Gesamtheit Lust gemacht, noch mehr Dinge von Dir zu lesen: "Hinter den Parktoren", "Purpurstaub" und "Der Preispokal" scheinen Stücke zu sein, die zumindest in ihrer jeweiligen Zeit für Aufregung gesorgt haben. Ob sie das wohl bei mir noch immer können?

Dir wünsche ich das beste, was nach dem Tod noch möglich ist. Und wenn es Dir möglich ist, so denk' doch noch einmal über ein paar Deiner Positionen nach, die Du zu Lebzeiten vertreten hast.

Dein
Ferkku
3.10.07 12:57
 


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Ecki (4.5.07 21:42)
Dieser Beitrag verdiente es, auf der Kulturseite einer Zeitung gedruckt zu werden. Wer kennt schon noch O´Casey bei uns? Seine Ideen? Seine Einstellungen? Dieser Beitrag ist eine spannende und moderne Art, sich mit dem vergessenen Schriftsteller auseinanderzusetzen. Einen Anlass zur Veröffentlichung würde es schon geben: Vor 80 Jahren wanderte der Ire nach England aus.

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